Am 22. Oktober 2026 sitzen die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder in Berlin und schreiben einen Satz, den viele Haushalte schon länger erwarten: Die Stromsteuer soll für alle runter. Nicht nur für Fabriken. Nicht nur für Bauern. Für die Wohnung mit dem alten Heizlüfter im Schlafzimmer und für den Wagen, der dreimal die Woche zur Arbeit fährt.
Der Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz klingt nüchtern. In der Küche klingt er anders. Dort liegt die Jahresabrechnung neben der Brille. Dort zählt jemand Cent für Cent, weil die Rente nicht mit der Zahl auf dem Zettel mitwächst. Die Länder sagen: Der Bund hat Spielräume. Der Finanzminister sagt: Zeigt mir, woher das Geld kommt.
Dieser Text folgt den öffentlichen Beschlüssen und Zahlen. Er erfindet keine neuen Minister. Er setzt daneben, was solche Beschlüsse mit Menschen über fünfzig machen, die das Licht nicht aus Jux anlassen. Quelle der Fakten ist vor allem die Berichterstattung der ARD vom selben Abend, ergänzt um die ZDF-Zusammenfassung, den Wortlaut des MPK-Beschlusses, Verivox-Rechnungen und Angaben des Bundesfinanzministeriums zum Tankrabatt.
Wer nur die Überschrift liest, denkt: endlich. Wer die Rechnung liest, merkt: Es ist noch nichts gesenkt. Es ist eine Forderung. Zwischen Forderung und niedrigerem Abschlag auf dem Konto liegen Haushaltsverhandlungen, ein Kanzler, ein Finanzminister und ein Krieg, der das Öl teurer macht.
Was die Länder in Berlin verlangt haben
Die Ministerpräsidentenkonferenz tagte am 21. und 22. Oktober in Berlin. Den Vorsitz hat Rheinland-Pfalz. Gordon Schnieder (CDU) spricht danach so, als ginge es nicht um eine Steuerzeile, sondern um ein Versprechen. Energie solle bezahlbarer werden. Strom für alle günstiger. „Dieses Versprechen müssen wir halten.“
Im Beschluss zu TOP 11 steht, die Energiepreise seien trotz aller Entlastungen im internationalen Vergleich zu hoch. Bürgerinnen und Bürger, Industrie, Mittelstand, Handel und Handwerk trügen weiter eine schwere Last. Deshalb solle die Bundesregierung schnellstmöglich finanzielle Spielräume im Haushalt für eine Senkung der Stromsteuer für alle nutzen.
Die Einnahmen aus der Stromsteuer fließen dem Bund zu. Die Länderhaushalte werden von einer Senkung nicht getroffen. Schnieder nennt das eine Bundesangelegenheit. Das ist politisch praktisch. Es ist auch sachlich richtig. Wer die Steuer senkt, verzichtet in Berlin auf Geld, nicht in Mainz oder Schwerin.
Hendrik Wüst (CDU) hatte vor dem Treffen von einer enormen Belastung gesprochen. Manuela Schwesig (SPD) erinnerte daran, dass in Deutschland längst preiswerter Strom erzeugt werde, etwa um fünf Cent. Der müsse bei Wirtschaft und Bevölkerung ankommen. Olaf Lies (SPD) sagte, die Senkung der Stromkosten sei wirksamer als manches Förderprogramm. Gleichzeitig räumte er ein: Wenn die wirtschaftliche Lage sich nicht weiter verbessert, wird das schwierig.
Schwierig ist das Wort, das in solchen Runden oft fällt, wenn niemand die Rechnung bezahlen will. Für die Frau am Küchentisch ist schwierig etwas anderes. Schwierig ist der Abschlag, der im November kommt.
Wir haben den Menschen versprochen, dass Energie bezahlbarer wird, insbesondere dass Strom für alle günstiger wird. Dieses Versprechen müssen wir halten.
Dieser Satz von Schnieder hängt in der Luft, weil der Koalitionsvertrag ihn schon kennt. Schwarz-Rot hat die Senkung der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß für alle angekündigt. Umgesetzt wurde sie bisher für das produzierende Gewerbe sowie für Land- und Forstwirtschaft. Private Haushalte zahlen den regulären Satz weiter.
Die Rechnung auf dem Küchentisch
In einer Wohnung in Mainz-Kastel sitzt eine Frau Ende sechzig an einem Holztisch. Das ist keine Ministerin. Das ist jemand, der den Brief der Stadtwerke nicht auf den Stapel „später“ legt. Der Mann gegenüber hält den Taschenrechner. Die Zahlen sind öffentlich, die Szene ist der Alltag, den die Statistik nicht fotografiert.
Verivox rechnet vor: Ein Drei-Personen-Haushalt mit 4000 Kilowattstunden zahlt derzeit rund 1375 Euro im Jahr. Senkt man die Stromsteuer von 2,05 Cent auf 0,1 Cent je Kilowattstunde und gibt die Entlastung samt Mehrwertsteuer weiter, bleiben etwa 93 Euro weniger. Sieben Prozent. Ein Zwei-Personen-Haushalt mit 2800 Kilowattstunden käme auf etwa 65 Euro. Ein Single mit 1500 Kilowattstunden auf etwa 35 Euro.
93 Euro sind kein Lottogewinn. 93 Euro sind der Wintermantel, den man noch ein Jahr tragen wollte. 93 Euro sind drei Tankfüllungen, wenn der Preis nicht durchdreht. 93 Euro sind der Betrag, über den Paare streiten, obwohl sie sich mögen.
„Sag du, ob wir den Abschlag erhöhen“, sagt die Frau. Der Mann tippt. Die Heizung in der Altbauwohnung ist nicht smart. Das Schlafzimmer wird mit einem kleinen Gerät nachgewärmt, weil die Rohre dort nie richtig warm wurden. Jeder, der so wohnt, kennt das. Jeder, der so wohnt, weiß, dass Strom nicht nur der Fernseher ist.
Die Privathaushalte in Deutschland verbrauchen laut Verivox etwas mehr als 130 Milliarden Kilowattstunden im Jahr. Die Gesamtentlastung einer Senkung auf das EU-Minimum läge bei rund drei Milliarden Euro. Für den Bundeshaushalt kostet die Ausweitung auf Haushalte und bisher nicht begünstigte Betriebe nach Schätzungen fünf bis sechs Milliarden, oft genannt werden 5,4 Milliarden im Jahr.
In der Küche klingt „Milliarden“ nach einer anderen Welt. In der Küche klingt „2,32 Cent brutto je Kilowattstunde“ nach etwas, das man anfassen kann. Die Differenz von 1,95 Cent plus Mehrwertsteuer ist die ganze Politik in einer Zeile.

Warum die Industrie schon weniger zahlt
Die Koalition hat ein Strompreisentlastungspaket. In einer Antwort an den Bundestag steht das Ziel: dauerhaft mindestens fünf Cent je Kilowattstunde weniger für Unternehmen und Verbraucher. Dafür wurde die Stromsteuer für bestimmte Betriebe auf das europäische Mindestmaß gesenkt. Netzentgelte wurden bezuschusst. Eine Strompreiskompensation und ein Industriestrompreis sind angelegt. Die Gasspeicherumlage soll weg.
Für die Fabrik ist das Standortpolitik. Für die Rentnerin ist es die Frage, warum ihr Kühlschrank denselben Steuersatz trägt wie vorher, während das Walzwerk entlastet wird. Die Antwort der Regierung lautet: Arbeitsplätze, Wettbewerb, Europa. Die Antwort am Stammtisch lautet: Wieder die da oben.
Man kann beides ernst nehmen, ohne eines zu erfinden. Ohne Industrie gibt es Löhne. Ohne Entlastung in der Wohnung gibt es Wut. Die Länder versuchen, beides in einem Satz zu packen: Senkung für alle. Schnellstmöglich.
Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat nach einer Klausur des Parteipräsidiums gesagt, wenn es irgendwie gehe, müsse die Stromsteuer runter, damit die Leute wieder mehr Geld in der Tasche haben. Er sprach von 2027. Er sprach von Spielräumen. Er sprach in eine Vertrauenskrise seiner Partei hinein, nach Wahlniederlagen der vergangenen Wochen.
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) antwortet mit der Haushaltssystematik. Wer die Stromsteuer senken wolle, solle sagen, wie er das finanziere. Die Steuerschätzung vom 22. Oktober bringt dem Bund für das kommende Jahr 4,1 Milliarden Euro mehr als erwartet. Gleichzeitig darf die Regierung wegen der besseren Wirtschaftslage rund 2,5 Milliarden weniger Schulden machen als geplant. Dazu kommen etwa 1,7 Milliarden für die Reform der Einkommensteuer. Das Plus ist also kein Freifahrtschein.
4,1 minus 2,5 minus 1,7 ist kein Rest, aus dem man 5,4 Milliarden Stromsteuer zaubert. Klingbeil sagt das, ohne den Koalitionsvertrag zu zerreißen. Er ist grundsätzlich offen. Er ist nicht grundsätzlich zahlungsbereit.
Wer jetzt Vorschläge macht wie etwa die Senkung der Stromsteuer, sollte gleichzeitig auch Vorschläge mitbringen, wie man das Ganze finanziert.
Dieser Satz trifft die Länder unangenehm, weil sie das Geld nicht selbst aufbringen. Er trifft Haushalte unangenehm, weil sie die Finanzierung schon leisten: Monat für Monat auf der Rechnung.
Was 93 Euro im Jahr wirklich bedeuten
Wer 93 Euro hört, zuckt mit den Schultern. Wer 93 Euro im November braucht, zuckt nicht. Eine Nachbarin Anfang siebzig, die den Briefkasten teilt, sagt: „Mein Sohn erklärt mir immer, das sei Peanuts. Peanuts sind bei ihm das, was nach dem Essen übrig bleibt. Bei mir ist das der Betrag, den ich nicht extra abheben will.“
Die Modellrechnung der Frankfurter Rundschau nennt weitere Stufen: 2000 Kilowattstunden, rund 46 Euro im Jahr. 3500 Kilowattstunden, rund 81 Euro. 5000 Kilowattstunden, rund 116 Euro. Voraussetzung bleibt: Die Versorger geben die Steuer vollständig weiter. An Beschaffung und Netzentgelten ändert die niedrigere Stromsteuer nichts.
Genau das ist der Haken, den ältere Kunden spüren. Die Steuer ist nur ein Baustein. Wer nachts den Heizlüfter laufen lässt, weil die Fußbodenheizung nie eingebaut wurde, zahlt Netz und Beschaffung trotzdem. Wer in einem Haus mit Speicherheizung aus den siebziger Jahren wohnt, zahlt Mengen, die keine Steuerzeile schlank macht.
Trotzdem ist die Steuer der Hebel, den die Politik sofort bewegen kann. Sie braucht kein neues Amt. Sie braucht einen Satz im Gesetz. Deshalb klammern sich die Länder daran. Deshalb klingt „schnellstmöglich“ nach mehr als nach Protokoll.
Im Koalitionsvertrag steht das europäische Mindestmaß. Für private Verbraucher liegt es bei 0,1 Cent. Heute sind es 2,05 Cent. Der Weg dazwischen ist politisch länger als arithmetisch. Arithmetik dauert eine Minute. Politik dauert, bis Merz und Klingbeil denselben Haushaltsvermerk unterschreiben.
Ein Hausarzt in einer Kleinstadt, der nach Feierabend die Praxis kalt fahren lässt, weil die Geräte Strom fressen, sagt zu einer Patientin: „Ich kann Ihnen den Blutdruck senken. Die Rechnung nicht.“ Die Patientin lacht kurz. Dann nicht mehr. Solche Sätze gehören in diesen Herbst, weil sie nicht aus einem Ministerbüro kommen.
Der Tankrabatt, der im Dezember stirbt
Neben dem Strom steht der Sprit. Seit 1. Oktober 2026 gilt ein befristeter Tankrabatt. Die Energiesteuer auf Benzin und Diesel sinkt um 14,04 Cent je Liter. Mit Umsatzsteuer ergibt das rund 16,7 Cent, in manchen Texten 17 Cent. Die Maßnahme endet am 31. Dezember. Das Ifo-Institut sagt, der Vorteil komme nach wie vor nicht vollständig bei den Autofahrern an.
Die Länder begrüßen die Senkung ausdrücklich. Sie zahlen mit einem Umsatzsteuerfestbetrag von 1,25 Milliarden Euro „letztmalig“ mit. Der Bund erwartet Mindereinnahmen um etwa 2,485 Milliarden Euro. Ab Januar steigt die Dieselsteuer wieder von 33,00 auf 47,04 Cent je Liter netto. Wer im Januar denselben Tank vollmacht, spürt das ohne Pressekonferenz.
Deshalb fordern die Ministerpräsidenten einen Spritpreisdeckel zum 1. Januar 2027. Vorbild sollen Luxemburg und Belgien sein. Der Deckel soll auf einer transparenten Berechnung stehen, Beschaffungskosten zeitnah abbilden, Wettbewerb unterhalb der Obergrenze erhalten, Versorgungssicherheit und Sparanreize achten und unabhängig evaluiert werden. Einen konkreten Höchstpreis nennt der Beschluss nicht.
Olaf Lies sagt, die Menschen sollten die Sicherheit haben, dass eine Form von Gerechtigkeit existiert. Sie sollten an der Tankstelle nicht für Unternehmensgewinne zahlen. Die Bundesregierung hatte Gespräche mit der Mineralölwirtschaft in Aussicht gestellt. Ziel: Deckel spätestens zum 1. Januar.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hält wenig von einem gesetzlichen Deckel, ist aber an das Vorhaben gebunden. Eine Verlängerung des Tankrabatts lehnt sie ab, der Spielraum fehle. Stattdessen spricht sie von gezielten Direktzahlungen an Geringverdiener. Innerhalb der CDU gibt es Widerspruch. Ein genauer Betrag, eine Grenze, ein Termin: offen.
Verkehrsminister Steffen Bilger prüft Hilfe für Taxi, Bus und Fuhrpark, falls die Preise hoch bleiben. Für die Rentnerin, die sonntags zur Tochter fährt, ist das eine ferne Behörde. Für sie zählt die Tafel über der Zapfsäule.

Was der Krieg mit der Heizung macht
Die ARD schreibt den Preisanstieg den internationalen Krisen zu. Seit Ende Februar, seit Beginn des Iran-Kriegs, sind Öl und Gas teurer. Die Straße von Hormus ist für den Welthandel weitgehend blockiert. Tanker werden angegriffen. Wer das nur als Außenpolitik liest, unterschätzt die Heizung.
Destatis: Energie für Haushalte im August um 10,5 Prozent teurer, der höchste Anstieg seit mehr als drei Jahren. Großhandelsstrom lag im September im Schnitt bei 147 Euro je Megawattstunde, etwa 75 Prozent über dem Vorjahr. Feste Haushaltstarife waren laut Verivox im September mit 32,29 Cent je Kilowattstunde sogar rund zwei Cent unter dem Vorjahreswert von 34,63 Cent. Die Börse tobt. Der Vertrag hinkt hinterher. Irgendwann holt der Vertrag auf.
Wer einen dynamischen Tarif hat, soll abends aufpassen. Wer einen alten Festpreis hat, wartet auf das Schreiben. Wer 70 ist und nie einen dynamischen Tarif wollte, versteht trotzdem, dass irgendwer irgendwann die Hormus-Prämie auf den Abschlag schreibt.
RWE-Chef Markus Krebber sagte im Juli, bei geplantem Ausbau von Backup-Kraftwerken und Erneuerbaren könnten Erzeugungskosten sinken und den Netzausbau ausgleichen. Das ist eine Fünf-Jahres-Ansage. Fünf Jahre sind für einen 78-Jährigen keine Legislatur. Fünf Jahre sind ein Restleben, in dem die Wohnung warm sein soll.
Die Länder wissen das. Deshalb schreiben sie nicht „prüfen“. Sie schreiben „schnellstmöglich“. Deshalb koppeln sie Stromsteuer und Spritdeckel in einem TOP. Beides trifft denselben Geldbeutel. Beides trifft besonders Menschen, die nicht mehr verhandeln können, weil sie keine Schicht mehr übernehmen und keinen Umzug in eine Passivhauswohnung finanzieren.
Ein Sohn ruft sonntags an und sagt: „Stellt die Heizung auf 19.“ Die Mutter sagt: „Dann ziehe ich die Jacke an.“ Der Vater sagt nichts. Der Vater hat die Jacke schon an. Solche Gespräche sind 2026 keine Metapher. Sie sind der Kommentar zum MPK-Beschluss, bevor irgendwer den Beschluss gelesen hat.
Merz will senken, Klingbeil will gegenfinanzieren
Der Streit ist kein Geheimnis. Merz braucht ein Signal nach den Niederlagen. Die Stromsteuersenkung gilt in der Berichterstattung als überraschendstes Element der CDU-Klausur Mitte Oktober. Klingbeil braucht einen Haushalt, der nicht auseinanderfällt, wenn die Union gleichzeitig den Ausgleich der kalten Progression will, rund vier Milliarden extra.
Beide können recht haben und trotzdem denselben Wähler verlieren. Der Wähler über fünfzig rechnet nicht in Schuldenbremsen. Er rechnet in Abschlägen. Er hört „Versprechen halten“ und sieht die Industrieentlastung. Er hört „keine Spielräume“ und sieht den Tankrabatt, der drei Monate läuft.
Die Steuerschätzung vom selben Tag wie die MPK macht den Konflikt schärfer, nicht weicher. Mehr Einnahmen, weniger erlaubte Schulden, geplante Einkommensteuerreform: Das ist der Rahmen, in dem 5,4 Milliarden fehlen. Verbände nennen das Zögern ein fatales Signal. Die Regierung nennt es Solidität.
Gordon Schnieder sagt, der Bund habe die Spielräume. Das ist die Position von sechzehn Ländern, auch der SPD-regierten. Wenn selbst SPD-Ministerpräsidenten die Senkung wollen, wird Klingbeils Bremse parteiintern schwerer. Wenn die Union die Senkung will, ohne die Gegenfinanzierung zu liefern, wird Merz’ Versprechen leichter angreifbar.
In der Praxis heißt das: Bis ein Gesetz da ist, bleibt die 2,05-Cent-Zeile. Bis ein Deckel da ist, bleibt der 31. Dezember ein Stichtag mit Angst. Die Leute an der Tanke fotografieren die Preise schon jetzt, als wäre das ein Beweisfoto für später.
Ein Tankwart, der nicht namentlich in den Agenturmeldungen steht, braucht hier keinen Klarnamen. Er braucht den Satz, den Kunden ihm entgegenhalten: „Das sollte doch billiger sein.“ Er zuckt mit den Schultern. Der Rabatt ist eine Steuer. Die Steuer ist unsichtbar, der Preis ist es nicht. Wenn der Preis nicht fällt, glaubt niemand die Pressekonferenz.
Was Familien jetzt tun können – ohne auf Berlin zu warten
Politik ändert die Steuer. Bis dahin ändert niemand die Wohnungstemperatur per Beschluss. Es gibt Dinge, die keine Koalition ersetzen, aber die den Winter tragen.
- Abschlag und Jahresverbrauch auf der letzten Rechnung prüfen, nicht nur den Monatsbetrag im Dauerauftrag.
- Heizlüfter und Speicheröfen als teuersten Stromfresser behandeln, nicht als „nur ein bisschen Wärme“.
- Zählerstand monatlich notieren, damit die Nachzahlung nicht im Frühjahr explodiert.
- Vor einem Tarifwechsel die Bindung und die Preisgarantie lesen, nicht nur den Werbe-Cent.
- Mit Kindern festlegen, wer im Januar die Tankrechnung der Eltern mitträgt, falls der Rabatt fällt.
Das klingt nach Haushaltstipps aus einer Broschüre. Es ist das Gegenteil von Schönreden. Niemand soll sich einbilden, 19 Grad seien Politikersatz. 19 Grad sind das, was man tut, während Berlin rechnet.
Wer pflegebedürftige Eltern hat, kennt den zweiten Stromfresser: das Pflegebett, der Lifter, die Waschmaschine, die täglich läuft. 1500 Kilowattstunden sind dann ein Witz. 4000 sind der Anfang. Die Verivox-Zahl von 93 Euro gilt für den Durchschnitt, nicht für das Pflegezimmer.
Eine Tochter in Teilzeit sagt am Telefon: „Ich überweise euch fünfzig, wenn der Abschlag steigt.“ Der Vater sagt: „Wir sind nicht arm.“ Die Mutter sagt: „Nimm das Geld, Heinz.“ Heinz ist hier ein Platzhalter für Männer, die Stolz mit Kilowattstunden verwechseln. Der Name ist nicht aus einer Behörde. Der Stolz ist es auch nicht. Er sitzt in vielen Küchen.
Ärzte raten bei Kälte zu Bewegung, nicht zum Dauerlüfter. Nachbarn tauschen sich über den günstigsten Anbieter aus und merken, dass Umziehen im Tarif dauert. Die Stadtwerke schicken Briefe, die niemand bis zur letzten Seite liest. Lesen lohnt sich in diesem Herbst mehr als in anderen.
Was passiert, wenn im Januar nichts kommt
Wenn die Stromsteuer für Haushalte 2027 nicht fällt, bleibt das Koalitionsversprechen ein Satz auf Papier. Die Industrieentlastung bleibt die sichtbare Tat. Die Wut bleibt die unsichtbare. Wahlergebnisse der letzten Wochen haben der Union das schon gezeigt. Die MPK versucht, die Wut in einen Beschluss zu gießen, bevor sie die nächste Wahl trifft.
Wenn der Spritpreisdeckel zum 1. Januar fehlt, endet der Rabatt und der Preis darf springen. Ob er springt, hängt vom Öl, von Hormus, von den Margen und davon ab, ob irgendwer in der Mineralölwirtschaft den politischen Druck ernst nimmt. Das Ifo hat schon beim Rabatt gesagt: nicht vollständig angekommen. Ein Deckel ohne Zahl ist ein Versprechen zweiter Ordnung.
Direktzahlungen an Geringverdiener können helfen und trotzdem die Tankstelle nicht beruhigen. Wer knapp über einer Grenze liegt, fällt raus. Wer Rentnerin mit kleinem Zuschlag ist, füllt Formulare aus, die sie hasst. Die Stromsteuer braucht kein Formular. Deshalb lieben sie die Länder. Deshalb fürchtet sie das Finanzministerium, weil sie jedem gehört, auch dem, der sie „nicht braucht“.
Man kann das ungerecht nennen. Man kann es einfach nennen. Einfach ist in der Energiepolitik selten. Einfach ist, was am Kühlschrank hängt: Abschlag, Datum, Notiz „Berlin hat wieder getagt“.
Die Frau in Mainz-Kastel legt die Rechnung unter die Brille. Der Mann stellt den Rechner weg. Draußen regnet es gegen das Fenster. Die Radiatoren ticken. Nichts an diesem Abend ist historisch. Historisch wird es erst, wenn im nächsten Schreiben eine andere Steuerzeile steht – oder eben nicht.
Die Ministerpräsidenten haben am 22. Oktober 2026 gesagt, der Bund solle Spielräume nutzen. Der Kanzler sagt, es gehe. Der Finanzminister sagt, erst die Gegenfinanzierung. Dazwischen liegen Haushalte, die nicht in der MPK sitzen und trotzdem die Zeche zahlen, so oder so: entweder über den Preis oder über die Steuer, die woanders fehlt.
Für Leser über fünfzig ist die Nachricht deshalb keine Grafik mit Cent-Beträgen. Sie ist die Frage, ob das Versprechen diesmal die Wohnung erreicht, bevor der nächste Winter den Abschlag diktiert. Die Industrie zahlt schon den niedrigeren Satz, die Küche noch den alten. Dieser Unterschied steht in keinem Koalitionsflyer. Er steht auf der Rechnung, wenn man sie zu Ende liest.
Zu Ende denken heißt: 0,1 Cent statt 2,05. 93 Euro im Durchschnittshaushalt. Drei Milliarden für private Verbraucher. 5,4 Milliarden im Bundeshaushalt. Ein Tankrabatt bis Silvester. Ein Deckel, der noch keine Zahl hat. Ein Krieg am Golf, der in der Heizkostenabrechnung landet. Und sechzehn Landesregierungen, die Berlin vor sich her treiben, weil sie näher an den Briefkästen sind.
Wer nach dieser MPK nur „Länder fordern“ liest, hat die Hälfte. Die andere Hälfte ist der 31. Dezember und der nächste Abschlag. Dazwischen kann man den Zähler ablesen, mit den Kindern sprechen und die Rechnung nicht in die Schublade schieben. Mehr geht zu Hause nicht. Der Rest ist ein Gesetz, das noch nicht da ist.
Solange es nicht da ist, bleibt die Stromsteuer für Millionen Haushalte genau das, was sie heute ist: 2,05 Cent, als hätte niemand in Berlin etwas versprochen. Die Länder haben den Satz wiederholt. Wiederholen ist nicht senken. Senken wäre eine Zahl auf der nächsten Rechnung, klein genug, dass man sie überliest, und groß genug, dass man den Winter anders beginnt.
Quellen
- tagesschau.de, 22. Oktober 2026: MPK zu Stromsteuer und Spritpreisen.
- ZDFheute, 22. Oktober 2026: Forderung „schnellstmöglich“, Verivox-Zahlen, Steuerschätzung.
- MPK-Beschluss TOP 11, 22. Oktober 2026: Wortlaut Entlastung Energiepreise.
- Frankfurter Rundschau: Steuersätze 2,05 und 0,1 Cent, Modellrechnung Haushalte.
- Bundesfinanzministerium: FAQ befristete Energiesteuersenkung Kraftstoffe.
- tagesschau.de, 18. September 2026: Energiekosten, Destatis, Großhandel, Verivox-Haushaltspreis.
