Geschichten

Bucephalus fährt im Schatten

Der Regen hatte erst vor einer Stunde aufgehört, doch die Straßen von Miami glänzten noch immer, als wären sie mit einer dünnen Schicht Glas überzogen.

Mein schwarzer Chevrolet Impala von 1967 glitt ruhig durch die nächtlichen Straßen. Die meisten nannten ihn einfach Impala.

Für mich war er Bucephalus.

Wie das Pferd Alexanders des Großen.

Treu. Schnell. Und viel zu oft bereit, mich direkt in Schwierigkeiten zu tragen.

Ich parkte am alten Pier und blickte auf meine Uhr.

Sheila war zu spät.

Das passte nicht zu ihr.

Überhaupt nicht.

In zwei Jahren hatte sie kein einziges Treffen verpasst.

Sie konnte ihren Geburtstag vergessen. Sie konnte ihre Schlüssel verlieren. Sie konnte nach einer wilden Nacht zwei Tage lang verschwinden.

Aber unsere Treffen ließ sie nie aus.

Nicht seit unsere Beziehung mehr geworden war als die eines Detektivs und seiner Informantin.

Ich nahm mein Telefon hervor.

Keine Antwort.

Noch einmal.

Wieder nichts.

Mit jeder Minute wurde das unangenehme Gefühl stärker.

Instinkt.

Die einzige Sache, die in meinem Beruf seltener log als Menschen.

Gerade als ich den Motor starten wollte, vibrierte mein Handy.

Sheila.

Sofort nahm ich ab.

„Weißt du eigentlich, wie spät es…“

Weiter kam ich nicht.

Ein Schrei durchschnitt die Leitung.

Nicht erschrocken.

Panik.

Echte Panik.

„Roter Cadillac! AMANDA! Zwei-vier-eins-zwei!“

Im Hintergrund krachte eine Tür.

Jemand rief etwas.

Dann schrie sie erneut:

„John Schwartz!“

Die Verbindung brach ab.

Stille.

Ich starrte auf das Display.

Für einen Moment.

Dann drehte ich den Schlüssel.

Der Motor von Bucephalus erwachte mit einem tiefen Grollen.

Ich raste los.

Ein Gedanke ließ mich nicht mehr los.

Sheila hatte niemals Angst.

Wenn sie schrie, war bereits etwas furchtbar schiefgelaufen.


Die Adresse führte zu einem heruntergekommenen Motel nahe dem Strand.

Als ich ankam, war der Parkplatz fast leer.

Nur eine flackernde Neonreklame.

Ein paar Möwen.

Und frische Reifenspuren auf dem Asphalt.

Sheila war nicht dort.

Stattdessen fand ich eine Leiche.

Ein Mann um die fünfzig.

Ein sauberer Schuss zwischen die Augen.

In seiner Jackentasche entdeckte ich eine Visitenkarte.

Darauf standen nur zwei Worte.

Amanda’s Diner.

Während ich die Umgebung absuchte, bemerkte ich etwas anderes.

Reifenspuren.

Breite Reifen.

Ein seltenes Profil.

Ich hatte sie schon einmal gesehen.

Cadillac.

Großes Modell.

Wahrscheinlich rot.

Die Hinweise begannen sich zu verbinden.

Doch Sheila blieb verschwunden.


Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich damit, nach John Schwartz zu suchen.

Spielhöllen.

Werkstätten.

Bars.

Häfen.

Jeder kannte seinen Namen.

Niemand wollte darüber reden.

Nach und nach setzte sich das Puzzle zusammen.

John Schwartz galt seit fünfzehn Jahren als tot.

Doch irgendjemand hatte ihn wieder gesehen.

Und alle Wege führten zu derselben Gruppe.

Den Black Wolves.

Einem alten Motorradclub, der die Küste kontrollierte.

Ihr Treffpunkt war ausgerechnet eine harmlose kleine Strand-Diner-Bar.

Amanda’s Diner.

Dasselbe Lokal von der Visitenkarte.

Dasselbe Lokal, dessen Namen Sheila geschrien hatte.


Zwei Wochen später stellte ich Bucephalus auf dem Parkplatz vor dem Diner ab.

Die Sonne stand hoch.

Palmen bewegten sich im Wind.

Durch die Fenster sah man rote Sitze, Chromleisten und eine lange Theke wie aus den Fünfzigern.

Es wirkte friedlich.

Von außen.

Innen war die Stimmung eine andere.

Zu laut.

Zu angespannt.

Zu viele Männer in schwarzen Lederjacken.

Zu viele Blicke.

Zu viele Narben.

An der Theke bestellte ich einen Whiskey.

Der Barkeeper stellte das Glas vor mich.

Die Eiswürfel klirrten leise.

Dann trat er heran.

Glatze.

Tätowierung auf dem Kopf.

Breite Schultern.

Dieses Grinsen von jemandem, der noch nicht verstanden hatte, dass er gerade die falsche Person provozierte.

Er sah mich an.

Dann das Glas.

Und mit einer schnellen Bewegung fegte er es von der Theke.

Whiskey und Eis verteilten sich über den Boden.

Gelächter brach aus.

Die anderen Biker feierten die Vorstellung.

Der Mann drehte sich um und ging zu seinen Freunden zurück.

Dann blieb er stehen.

Drehte sich langsam wieder zu mir.

Ein breites Grinsen im Gesicht.

„Was willst du jetzt machen, Alter?“

Das Gelächter verstummte.

Die Luft im Raum wurde schwer.

Ich erhob mich langsam.

Nahm meine Sonnenbrille ab.

Und lächelte.

Manche Fälle löst man mit Fragen.

Manche mit Geduld.

Und manche beginnen auf einem Parkplatz neben einem schwarzen Chevrolet Impala.

Eine Minute später flog die Tür des Diners auf.

Die eigentliche Geschichte begann.

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