Berlin – Er sitzt da, die Hände gefaltet, der Blick ruhig und zugleich scharf. Richard David Precht, 61, Deutschlands bekanntester Philosoph und Debattierer, hat in den letzten Jahren so manchen Sturm überstanden. Corona-Kritik, Ukraine-Debatte, jetzt die große Frage nach der Zukunft der Demokratie. Im RONZHEIMER-Podcast von Paul Ronzheimer legt er die Karten auf den Tisch – und was er sagt, trifft mitten ins Herz der deutschen Selbstgewissheit.
„Wir verhalten uns inzwischen ähnlich wie die DDR in den 80ern“, erklärt Precht. Nicht als polemische Spitze, sondern als Diagnose. Die späte DDR ließ viele Menschen unproduktiv arbeiten, weil man keine Arbeitslosen haben wollte. Heute, so Precht, haben wir allein in der kommunalen Verwaltung über zwei Millionen Beschäftigte. Viele dieser Tätigkeiten könnten schon jetzt oder in wenigen Jahren von künstlicher Intelligenz erledigt werden. Doch die Gewerkschaften würden dafür sorgen, dass diese Stellen noch zehn, fünfzehn Jahre bestehen bleiben.
Die Angst, sagt Precht, sei der eigentliche Motor. Angst vor den Arbeitslosen, die eine echte KI-Revolution mit sich bringen würde. Angst vor dem Wandel. Angst davor, dass das System, das wir seit 1949 und besonders seit 1990 so lieben, nicht mehr funktioniert, wenn der Wohlstand bröckelt.

„Ich glaube, dass wir in 20 Jahren keine liberale Demokratie mehr sind“
Precht spricht leise, aber die Worte haben Gewicht. Er glaubt, dass die Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit für eine liberale Demokratie schwinden könnte, sobald diese Demokratie keinen Wohlstand mehr produziert oder die Wohlstandsentwicklung rückläufig wird. „Ich glaube, die meisten Leute werden am Ende, auch wenn sie es vor sich selbst nicht zugeben, lieber in einer Wohlfühl-Diktatur leben, als in einer armen Demokratie.“
Das ist keine dystopische Fantasie aus einem Science-Fiction-Roman. Precht sieht die Parallele zur DDR in der Verkrustung. „Wir reden heute über die liberale Demokratie, als könne es nur eine geben, und die muss genauso aussehen wie die liberale Demokratie der Bundesrepublik in der Gegenwart. Das ist eine Verkrustung mit Erstarrung und eine Parallele zur DDR.“
Wer heute fordert, dass die Demokratie an die veränderten Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts angepasst werden muss – an KI, an demografischen Wandel, an neue geopolitische Realitäten –, der wird schnell zum Feind der liberalen Demokratie gestempelt. Precht kennt das aus eigener Erfahrung. Nach seiner Kritik an der Corona-Politik sei er plötzlich „Querdenker“ gewesen. Eine Etikette, die klebt und die man nur schwer wieder loswird.
Er erinnert an die 1970er und 1980er Jahre. Damals war der Streit schärfer, die Wortwahl oft rauer. Aber das gesellschaftliche Tableau war klarer: links und rechts, SPD von Schmidt bis zu den Jusos, CDU von Blüm bis zu den alten Konservativen. Heute sind die großen Parteien in die Mitte gerückt, die Ränder abgeschnitten. Die Medienlandschaft ebenfalls. Eine wirklich linke Zeitung gebe es kaum noch, eine wirklich rechte auch nicht mehr in dem Sinne wie früher die Welt oder die Bild in den siebziger Jahren.
Die Folge ist eine Art medialer und politischer Monokultur. Wer aus dem engen Korridor heraustritt, riskiert Empörung, Ächtung, Distanzierung. Precht nennt das eine neue Form der Unfreiheit – nicht staatlich verordnet wie in der DDR, sondern gesellschaftlich erzeugt und von den Medien verstärkt.
Die Rentenreform als „Schönheitschirurgie am krebskranken Patienten“
Besonders scharf rechnet Precht mit der aktuellen Rentenpolitik ab. Die große Reform, die das System retten soll, nennt er „Schönheitschirurgie am krebskranken Patienten“. Die Debatte um die Abschaffung der Rente mit 63 sei symptomatisch. Gleichzeitig rolle eine KI-Welle auf den Arbeitsmarkt zu. Millionen Arbeitsplätze seien bedroht. Die Frage, wie Maschinen unser Rentensystem finanzieren könnten, werde kaum gestellt.
„Wir haben einen enormen Mangelzustand eines dysfunktionalen Systems und versuchen, das jetzt noch ein paar Jahre länger zu strecken, statt sich zusammenzusetzen und zu überlegen: Wie können wir aus dem Umlagesystem aussteigen, und wie können wir ein System schaffen, das dem zweiten Maschinenzeitalter entspricht.“
Deutschland sei für radikale Reformen nicht bereit. Wer etwas anders machen wolle, bekomme sofort massenhafte Empörung, „eine Million Feinde“ und werde „medial erschossen“. Die Folge für Politiker: Wer Karriere machen will, muss extrem angepasst sein – noch mehr als früher. Precht beobachtet eine Art Selbstzensur in den Parteien. Mutige Vorschläge sterben schon im Entwurf, weil niemand den Shitstorm riskieren will.
Die demografische Realität ist brutal: Immer weniger Beitragszahler, immer mehr Rentenempfänger. Die KI könnte Produktivität und Wohlstand steigern – aber nur, wenn man sie lässt. Stattdessen wird weiter verwaltet, gestreckt, beschönigt. Precht sieht darin denselben Mechanismus, der die DDR in den 80ern lähmt: das Festhalten an Strukturen, die den Preis der Wahrheit nicht zahlen wollen.

Zwei Millionen in der Verwaltung – und die Angst vor der Zukunft
Precht erzählt von einem Vortrag vor der Gewerkschaft der Kommunalverwaltung im Januar. Die Reaktion auf seine Ausführungen zu KI sei defensiv gewesen: KI sei kein Allheilmittel, man könne ja auch mit KI arbeiten, aber was solle das groß verändern? Genau diese Haltung, so Precht, sei das Problem.
Die DDR der 1980er Jahre wollte Vollbeschäftigung um jeden Preis. Unproduktive Arbeit war besser als offene Arbeitslosigkeit. Betriebe hielten Personal, das niemand brauchte. Die Planwirtschaft produzierte Knappheit und Verschwendung gleichzeitig. Heute halten wir an Strukturen fest, die von der digitalen Revolution längst überholt sind. Die Angst vor den sozialen Folgen lähmt. „Wir trauen uns nicht, diesen Prozess mitzumachen aus Angst vor den vielen Arbeitslosen, die dadurch entstehen.“
Dabei geht es nicht nur um Verwaltung. Precht sieht die Gefahr, dass die Gesellschaft durch künstliche Intelligenz immer mehr das eigenständige Denken verlernt. In seinem Buch „Auserzählt? Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft“ warnt er vor den Auswirkungen auf Kreativität und Bildung. Schulen, so sein Vorschlag, sollten zu KI-freien Zonen werden, zumindest in Teilen – damit Kinder und Jugendliche noch lernen, selbst zu denken, zu schreiben, zu argumentieren.
Die Gefahr liege weniger in der KI selbst als in den mächtigen Menschen und Konzernen, die sie kontrollieren. Gleichzeitig drohe eine „Axolotlisierung der Gesellschaft“ – ein Zustand, in dem Menschen in einer Art ewiger Unreife verharren, unfähig zu echten Entscheidungen und Verantwortung. Das Axolotl, ein Salamander, der nie richtig erwachsen wird, wird zum Sinnbild einer Kultur, die den Ernst des Lebens meidet.
Precht beobachtet, dass viele Menschen die Komplexität der Gegenwart nicht mehr aushalten wollen. Sie suchen einfache Antworten, starke Führung, emotionale Sicherheit. Genau hier lauert die Versuchung der „Wohlfühl-Diktatur“: weniger Freiheit, aber mehr Geborgenheit. Weniger Streit, aber auch weniger Wahrheit.
Meinungsfreiheit und die neue Empörungskultur
Ein zentrales Thema in Prechts aktuellem Buch „Angststillstand – Warum die Meinungsfreiheit schwindet“ ist die Beobachtung, dass immer weniger Menschen in Deutschland das Gefühl haben, ihre Meinung frei äußern zu können. Langzeitumfragen zeigten früher Werte um die 90 Prozent. Heute liegen sie bei rund 40 bis 42 Prozent. Das ist ein dramatischer Absturz.
Precht sieht die Ursachen in der Verzahnung von Gesellschaft und Medien, in sozialen Netzwerken, die Shitstorms befeuern, und in Leitmedien, die von der Erregungswelle profitieren. „Jemanden zu canceln, ist für mich Faschismus. ‚Shitstorm‘ ist ein modernes Wort für Pogrome.“ Das klingt hart. Aber er meint es ernst. Die digitale Empörung hat eine Dynamik, die an historische Formen der Ausgrenzung erinnert – nur schneller und mit größerer Reichweite.
Themen wie Corona-Politik, Ukraine-Krieg oder der Nahostkonflikt hätten den Meinungskorridor stark verengt. Jeder sei sensibel, wenn es um die eigene Meinung gehe. Bei abweichenden Meinungen sei die Toleranz gering. Die politischen und medialen Eliten hätten die Ränder vernachlässigt oder abgeschnitten. Das Ergebnis: Polarisierung und ein Gefühl der Sprachlosigkeit bei vielen Bürgern.
Precht selbst hat das am eigenen Leib erfahren. Seine Corona-Kritik führte dazu, dass er in bestimmten Kreisen als „umstritten“ abgestempelt wurde. Dabei sei er kein Querdenker im klassischen Sinne gewesen. Er habe lediglich Fragen gestellt, die damals unerwünscht waren. Die Medialisierung der Debatte habe dazu geführt, dass Nuancen verloren gingen. Man war entweder „dabei“ oder „dagegen“ – dazwischen gab es nichts.
In den 70er und 80er Jahren, so Precht, konnte man noch innerhalb der demokratischen Normalität extreme Positionen vertreten. Heute wird der Meinungskorridor von beiden Seiten verengt: von der Cancel-Culture links und von der Empörungskultur rechts. Die Mitte, die eigentlich debattieren sollte, schweigt oder passt sich an.
Persönliche Geschichte: Vom linken Elternhaus zum unbequemen Denker
Um Prechts Haltung zu verstehen, hilft ein Blick in seine Biografie. Geboren am 8. Dezember 1964 in Solingen, wuchs er in einem linksgerichteten Elternhaus auf. Die Eltern standen der DKP nahe, schickten die Kinder in Ferienlager der Partei. „Heimat, Naturschutz und Kommunismus“ – das war die Mischung. Precht hat zwei vietnamesische Adoptivgeschwister, die die Eltern als Protest gegen den Vietnamkrieg aufgenommen hatten. Die DKP war im Bergischen Land damals eine Art Volkspartei – „Hardcore-Kommunisten waren sie aber nie“, sagt Precht heute. Es war schick damals.
Zweimal war die Familie in der DDR. Einmal brachten die Eltern ihn nur bis hinter die Grenze. Das erste Mal war er neun, 1974, in Köthen, wo die Mutter aufgewachsen war. Er sah seinen ersten Russen – einen Soldaten in „furchtbar hässlicher brauner Uniform“. Später, als 15-Jähriger, besuchte er den Tierpark in Ost-Berlin. Der Eintritt kostete 50 Pfennige. Vorher kauften sie im Supermarkt in Friedrichsfelde Würstchen in Plastikfolie – und wussten nicht, ob man die Folie mitessen musste. Sie ließ sich weder abziehen noch kauen.
Der Mauerfall war für ihn „das Ende eines Traums, an den ich 15 Jahre nicht mehr gedacht hatte“. Für Millionen Ostdeutsche der Beginn eines Traums, für den jungen Precht das Ende. Die westdeutschen Linken hatten längst andere Themen: Atomkraft, Pershing II, Volkszählung. Die DDR? Welche DDR? Precht dachte damals: Ihr armen Irren. Ihr Träumer. Ihr werdet nichts erreichen, das Spiel ist aus. Die westdeutschen Politpragmatiker übernehmen den Laden.
Heute, Jahrzehnte später, sieht Precht in der deutschen Gesellschaft eine neue Form von Erstarrung. Nicht die alte SED-Diktatur, sondern eine freiwillige, bequeme, angstgetriebene. Eine Gesellschaft, die den Wandel fürchtet und lieber in alten Strukturen verharrt, auch wenn diese längst nicht mehr tragfähig sind. Die Parallele zur DDR der 80er Jahre ist für ihn keine Übertreibung, sondern eine Warnung.
Sein Vater, 1933 geboren, hatte als Kind den Krieg erlebt und die Bilder der befreiten Konzentrationslager gesehen. Das weckte in ihm lebenslang den Sinn für das Nachdenken. Precht selbst wurde durch den Pessimismus des Vaters zum Optimisten – ein Widerspruch, der ihn bis heute prägt. Fernsehen war in der Familie verboten. Stattdessen wurde gelesen, diskutiert, gestritten. Diese Prägung erklärt, warum Precht auch dann noch debattiert, wenn es unbequem wird.
Was Precht fordert – und warum es so schwer fällt
Precht ist kein reiner Pessimist. Er fordert radikale Reformen: ein Rentensystem, das dem Maschinenzeitalter entspricht, eine Bildungspolitik, die eigenständiges Denken fördert, eine Debattenkultur, die abweichende Meinungen aushält, ohne sofort zu canceln. Er warnt vor dem Rechtspopulismus, sieht aber das eigentliche Problem tiefer: in der Unfähigkeit der etablierten Parteien, mit den Veränderungen umzugehen.
In einem weiteren Teil des Interviews mit Ronzheimer spricht er über die AfD und die Wahrscheinlichkeit einer Regierungsbeteiligung. Die etablierten Parteien hält er für zunehmend handlungsunfähig. Die liberale Demokratie sei in Gefahr – nicht primär von außen, sondern von innen, durch Verkrustung und Angst. „Wir fürchten uns ein bisschen vor dem Falschen – vor dem Phänotyp, nicht vor dem Genotyp.“
Die Parallele zur DDR der 80er Jahre ist für Precht keine Übertreibung. Damals wusste man, dass das System nicht mehr funktionierte, hielt aber am Apparat fest, um die Fassade zu wahren. Die Betriebe produzierten, was niemand brauchte. Die Verwaltung wuchs. Die Wahrheit wurde verwaltet, nicht gesagt. Heute wissen wir, dass KI, Demografie und geopolitische Verschiebungen unser Modell herausfordern. Doch statt mutiger Schritte wählen wir den Weg des geringsten Widerstands: Verwaltung aufblähen, Reformen verwässern, Kritiker stigmatisieren.
Ob Deutschland in 20 Jahren noch eine liberale Demokratie sein wird, hängt für Precht davon ab, ob wir die Angst überwinden. Ob wir bereit sind, unproduktive Strukturen aufzugeben, auch wenn das kurzfristig schmerzhaft ist. Ob wir wieder lernen, Meinungen auszuhalten, die uns unangenehm sind. Ob wir die Demokratie als lebendigen Prozess begreifen – oder als Museumstück, das man nicht anfassen darf.
Der Philosoph sitzt noch da, die Hände gefaltet. Draußen, jenseits der Podcast-Studios und der Talkshows, geht das Leben weiter. Zwei Millionen Menschen arbeiten in kommunalen Verwaltungen. Die KI wartet nicht. Und die Frage, die Precht stellt, bleibt im Raum: Wollen wir wirklich so weitermachen – oder trauen wir uns endlich den Schritt, den die DDR der 80er Jahre nicht mehr geschafft hat?
Die Antwort, so scheint es, liegt nicht nur bei den Politikern. Sie liegt bei einer Gesellschaft, die sich entscheiden muss: zwischen der bequemen Erstarrung und dem riskanten, aber notwendigen Wandel. Zwischen der „Wohlfühl-Diktatur“ und einer Demokratie, die auch dann noch funktioniert, wenn der Wohlstand nicht mehr selbstverständlich ist.
Precht hat seine Diagnose gestellt. Ob sie gehört wird, wird sich zeigen. Die Geschichte der späten DDR lehrt zumindest eines: Wer zu lange zögert, verliert am Ende nicht nur den Anschluss – er verliert die Fähigkeit, noch selbst zu entscheiden. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob Deutschland den Vergleich mit der DDR der 80er Jahre als Warnung versteht – oder als Prophezeiung, die sich selbst erfüllt.
Die Berliner Mauer ist längst gefallen. Die Mauern im Kopf, die Angst vor dem Unbekannten, die Verkrustung der Institutionen – die stehen noch. Precht hat den Finger in die Wunde gelegt. Die Wunde brennt. Und die Uhr tickt. Ob wir die Zeit nutzen, die uns bleibt, hängt von uns ab. Nicht von der KI. Nicht von den Gewerkschaften. Nicht von den Parteien allein. Sondern von einer Gesellschaft, die sich erinnern sollte, was es bedeutet, wenn man zu lange so tut, als ginge alles weiter wie bisher.
In den Wohnzimmern, in den Verwaltungen, in den Redaktionen und in den Parlamenten wird diese Frage jetzt gestellt. Precht hat sie nur ausgesprochen. Die Antwort müssen wir selbst finden – bevor die Parallele zur DDR der 80er Jahre keine Metapher mehr ist, sondern Beschreibung der Gegenwart.
Man muss sich die Szene vorstellen: Ein großer Saal, Gewerkschaftsvertreter, Kaffee und Kekse, die übliche Atmosphäre von „wir machen das schon irgendwie“. Precht steht vorne und spricht von der KI-Revolution. Die Reaktion ist nicht Wut, sondern eine Art müdes Abwinken. „KI ist doch kein Allheilmittel.“ Genau dieses Abwinken, dieses „wir schaffen das schon mit ein bisschen Digitalisierung“, ist für ihn der Kern des Problems. Es ist dieselbe Haltung, die in den 80er Jahren in der DDR vorherrschte: Wir wissen, dass es nicht mehr funktioniert, aber wir ändern nichts Grundsätzliches, weil die Konsequenzen zu groß erscheinen.
Die Zahlen, die Precht nennt, sind bekannt und doch erschreckend. Über zwei Millionen Menschen allein in der kommunalen Verwaltung. Hinzu kommen Landes- und Bundesverwaltungen, Sozialversicherungen, Bildungseinrichtungen. Viele dieser Tätigkeiten – Formulare prüfen, Anträge sortieren, Daten abgleichen, Bescheide schreiben – können Algorithmen heute schon besser und schneller. Doch die politische und gewerkschaftliche Logik lautet: Lieber weiter beschäftigen als freisetzen. Lieber den Apparat erhalten als den Bürgern ehrlich sagen, dass sich die Welt verändert hat.
Precht vergleicht das mit der DDR-Wirtschaft der 80er. Dort gab es Betriebe, die nur noch existierten, um Menschen Arbeit zu geben. Die Produktion war sekundär. Die soziale Stabilität war das eigentliche Ziel. Das Ergebnis war Stagnation, Mangelwirtschaft und am Ende der Zusammenbruch. Heute droht kein plötzlicher Zusammenbruch wie 1989, sondern ein schleichender Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, an Innovationskraft, an Zukunftsglauben.
Die KI-Revolution, so Precht, ist keine ferne Zukunft. Sie findet jetzt statt. In den USA und in China werden ganze Berufsfelder umgebaut. In Deutschland diskutiert man noch, ob man die Rente mit 63 abschaffen soll. Das ist für ihn „Schönheitschirurgie am krebskranken Patienten“. Man behandelt Symptome, während die eigentliche Krankheit – ein Umlagesystem, das dem demografischen und technologischen Wandel nicht gewachsen ist – weiter wütet.
Was wäre die Alternative? Precht skizziert sie nur andeutungsweise: ein System, das dem zweiten Maschinenzeitalter entspricht. Vielleicht eine Kombination aus Grundeinkommen und neuen Finanzierungsmodellen, bei denen die Produktivität der Maschinen den Sozialstaat mitträgt. Vielleicht radikal verkürzte Arbeitszeiten bei gleichbleibendem Einkommen. Vielleicht eine Bildungsoffensive, die Menschen auf Berufe vorbereitet, die KI nicht ersetzen kann – Pflege, Handwerk, kreative und soziale Berufe, die echte menschliche Begegnung brauchen.
Doch all das erfordert Mut. Mut, den Precht in der deutschen Politik und Gesellschaft vermisst. Wer solche Vorschläge macht, wird sofort mit Empörung überschüttet. Die einen schreien „Sozialabbau!“, die anderen „Utopie!“. Die Mitte schweigt oder sucht den Kompromiss, der nichts verändert. So bleibt alles, wie es ist – und wird dadurch immer brüchiger.
Die Parallele zur DDR geht noch tiefer. In der DDR der 80er Jahre gab es eine Art kollektive Verdrängung. Man wusste, dass die Wirtschaft nicht funktionierte, dass die Umwelt zerstört wurde, dass die jungen Leute abhauen wollten. Aber man redete darüber in der Küche, nicht auf der Straße. Heute redet man in den sozialen Netzwerken, aber die wirkliche Debatte in den Institutionen bleibt aus. Die Angst vor dem Shitstorm ersetzt die Angst vor der Stasi – und wirkt ähnlich lähmend.
Precht ist kein Nostalgiker der alten Bundesrepublik. Er weiß, dass die liberale Demokratie der 50er und 60er Jahre unter ganz anderen Bedingungen entstanden ist. Die Alliierten, der Marshallplan, die geteilte Welt, die demographische Pyramide – all das ist vorbei. Wer heute so tut, als könne man das Modell von 1949 einfach fortschreiben, der betreibt Geschichtsvergessenheit. Die Demokratie muss sich weiterentwickeln, oder sie wird untergehen. Das ist Prechts zentrale Botschaft.
Ob sie gehört wird, hängt nicht nur von ihm ab. Es hängt von einer Gesellschaft ab, die sich entscheiden muss, ob sie die bequeme Erstarrung der späten DDR nachahmen will – oder ob sie den Mut aufbringt, den die DDR am Ende nicht mehr hatte. Die Berliner Mauer ist Geschichte. Die Mauern im Kopf und in den Institutionen stehen noch. Precht hat sie sichtbar gemacht. Jetzt liegt es an uns, ob wir sie einreißen oder weiter verstärken.
In den Gesprächen mit älteren Menschen, die die DDR noch erlebt haben, hört man manchmal denselben Satz: „Wir haben es kommen sehen, aber niemand hat etwas gesagt.“ Heute droht ein ähnliches Schweigen – nur diesmal in einer Demokratie, die stolz darauf ist, frei zu sein. Die Freiheit, die man nicht nutzt, weil man Angst vor den Konsequenzen hat, ist keine Freiheit mehr. Das ist der Punkt, an dem Prechts Diagnose am schärfsten wird.
Die Uhr tickt. Die KI wartet nicht. Die Demografie wartet nicht. Die geopolitischen Verschiebungen warten nicht. Deutschland steht vor der Wahl: entweder den Vergleich mit der späten DDR als Warnung begreifen und handeln – oder zusehen, wie die Prophezeiung wahr wird. Precht hat gesprochen. Die Antwort liegt bei uns allen.
