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Studenten siegen: Putin-Freund Vučić verliert die Serbien-Wahl

Am Sonntagabend, dem 25. Oktober 2026, wurde Belgrad erst still und dann laut. Erst saßen die Leute vor dem Fernseher und warteten, ob die Zahl noch kippt. Dann rasten Autokorsos hupend durch die Stadt. Aleksandar Vučić, 56, Chef der rechtsgerichteten Serbischen Fortschrittspartei, räumte seine Niederlage ein. Gegen ihn trat nicht die alte, zerstrittene Opposition an, sondern eine Studentenliste, gewachsen aus fast zwei Jahren Protest.

Die BILD hat diese Nacht für deutsche Leser in eine klare Zeile gepackt: Die Studenten-Bewegung gewinnt, der Putin-Freund verliert. Den Bericht von Marc Oliver Rühle vom 25. Oktober 2026, 23:12 Uhr, finden Sie hier: bild.de. Die Nachtzahlen stammen aus diesem Stück. Die Morgenzahlen haben wir mit der serbischen Wahlkommission, Ipsos/CeSID, BBC und Guardian abgeglichen.

Für Leser über fünfzig ist das kein Jugendkrawall in einem fernen Balkanland. Es ist die Geschichte eines Vordachs am Bahnhof, das Menschen erschlagen hat. Einer Schlange am Wahllokal, wie es sie seit mehr als dreißig Jahren nicht gab. Eines Nachbarn, der immer „Stabilität“ ankreuzte und am Sonntag anders kreuzte. Und einer Macht, die ewig wirkte, bis der Mann selbst sagte: Wir haben verloren.

Die Nacht, in der Vučić „wir haben verloren“ sagte

Am Sonntag in Belgrad warf Vučić den Stimmzettel in die durchsichtige Urne mit der serbischen Flagge. BILD fragte unter dem Foto, ob er da schon ahnte, dass er verlieren wird.

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Gewählt wurde den ganzen Tag. Bis 18 Uhr, noch vor der Schließung, lag die Beteiligung nahe bei 70 Prozent. BILD schreibt: so viele wie seit mehr als 30 Jahren nicht. Rund 6,4 Millionen Wahlberechtigte. 18 Listen für 250 Sitze. In Wahrheit war es ein Referendum: Vučić oder die Studenten.

Abends trat Vučić im Parteizentrum auf. Endgültige Ergebnisse fehlten. Auf Basis von Hochrechnungen sei klar, dass seine Partei verloren habe, sagte er. Die BBC zitierte später den Satz: Es sei klar, dass man diese Wahlen verloren habe. Er sei stolz auf das, was in der Regierungszeit entstanden sei. Die SNS werde nun Opposition sein und zeigen, was das heißt.

In Belgrad wurde es sofort laut. Hupen. Der Platz Slavija. Dasselbe in Novi Sad, der Stadt, in der alles vor zwei Jahren anfing. Tausende gingen am Sonntagabend auf die Straße.

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Menschen tanzten. Manche weinten. Eine Studentin sagte der BBC: „Serbien ist frei. Es ist ein Wunder.“

In einer Wohnung im dritten Stock nahe der Festung Kalemegdan lief der Fernseher ohne Ton, weil die Straße laut genug war. Der Mann, Ende sechzig, hielt die Fernbedienung und schaltete nicht. Die Frau sagte: „Schrei den Kasten nicht an, der hört dich nicht.“ Er schrie nicht. Er wartete, ob die Worte zurückgenommen werden. In vierzehn Jahren SNS-Macht war das in den Köpfen schon vorgekommen. Auf dem Papier nicht.

Die Nachbarin klopfte. Nicht wegen Salz. Wegen der Frage, ob das ein Traum sei. Der Tee wurde kalt. Auf der Fensterbank stand das Radio, das man „für alle Fälle“ einschaltet, wenn die Macht zu glatt spricht. An diesem Abend war nichts glatt.

Liebes Serbien, heute Abend findet die Stimme des Volkes Gehör. Heute Abend feiern wir den Sieg, morgen gestalten wir die Zukunft.

So sprach nach BILD Radomir Sajcic, Professor an der Universität Belgrad, im Namen der Studenten. Reuters übermittelte einen zweiten Satz von ihm: Keine Macht könne ein Volk ewig unterdrücken, das beschlossen habe, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist keine Behörde. Das ist ein Mann, den gestern noch niemand neben einen Premierminister stellte.

Zahlen, die man nicht mehr wegräumen kann

Kurz nach Vučićs Ansprache veröffentlichte die Wahlforschungsgruppe CRTA die Projektion, die BILD zitiert: Studentenliste 51,5 Prozent, SNS 40,4. Am Montagmorgen wurde es für die alte Macht härter.

Nach vorläufigen Angaben der Kommission bei fast voll ausgezählten Lokalen hatten die Studenten rund 2,25 Millionen Stimmen, die bisherige Regierungspartei rund 1,67 Millionen. Anteil: etwa 52,7 gegen 39,2 Prozent. Ipsos und CeSID gaben der Studentenliste auf vollem Sample 53 Prozent und 141 von 250 Mandaten, der Liste „Aleksandar Vučić – Vereinigtes Serbien“ 38,8 Prozent und 103 Mandate. Für die Mehrheit braucht man 126. Luft ist da.

Die Beteiligung nach Kommission: etwa 68,8 Prozent, mehr als vier Millionen Menschen. Unter der Schwelle blieb Ivica Dačić mit rund zwei Prozent, ebenso alte Oppositionsmarken, die sich jahrelang stritten, während die Straße zu den Studenten ging. Ein paar Sitze holten Minderheitenlisten: Magyaren der Vojvodina, albanische Koalition, Sandžak. Das ist Juristenstoff. In der Küche zählt etwas anderes: Eine Kraft darf eine Regierung bauen. Die andere ist nach 14 Jahren zum ersten Mal Opposition.

Ein Arzt aus einer Vorstadt-Ambulanz, über sechzig, sagte am Montagmorgen einer Patientin, ohne die Stimme zu senken: „Ich habe ihnen das Kreuz gemacht, bis der Bahnhof fiel. Dann nicht mehr.“ Seinen Namen braucht keine Agentur. Solche Zimmer gibt es viele. Die Patientin nickte. Ihr Sohn studiert. Zwei Jahre sah sie ihn zu den Blockaden gehen und fürchtete Schläge. Am Sonntag wählte sie „wie der Sohn bat“, obwohl sie Studenten ihr Leben lang wegen dreckiger Schuhe im Treppenhaus gescholten hatte.

  • Studentenliste: rund 52 bis 53 Prozent, absolute Mehrheit der Sitze.
  • Vučić-Liste: rund 39 Prozent, über hundert Sitze, aber keine Macht mehr.
  • Wahlbeteiligung: fast 70 Prozent, Rekord dreier Jahrzehnte.
  • Alte Oppositionsparteien scheiterten an der Hürde.
  • Präsidentschaftswahl im Dezember. Das Parlament ist schon ein anderes.

BILD vergleicht die Nacht mit der Niederlage Viktor Orbáns in Ungarn: Auch dort half die Jugend, einen Mann nach 16 Jahren abzulösen. In Serbien sitzt Vučićs Partei seit 2012 an der Macht. Die Parallele ist keine Mathematik. Sie ist das Gefühl, dass „die Ewigen“ auch enden.

Der Bahnhof in Novi Sad, von dem alles rollte

Am 1. November 2024 stürzte das Betondach am Bahnhof von Novi Sad ein. 16 Menschen starben. Der Bahnhof war frisch saniert. Die Leute gingen unter das Vordach, wie man in Europa unter jedes Vordach geht: ohne den Gedanken, dass die Decke ein Urteil werden kann.

Viele Serben sahen darin keinen Unfall. Sie sahen Sanierung ohne Nachfrage, Firmen ohne Scham, Beamte ohne Furcht. Die Regierung bestritt systemische Korruption. Vučić sagte, Schuldige würden bestraft. Im September 2025 klagte die Staatsanwaltschaft Novi Sad 13 Personen an, darunter den früheren Bauminister Goran Vesić. Das ist Gericht, nicht Straße. Die Straße war da schon zwei Jahre nicht nach Hause gegangen.

Jeden Freitag um 11:52 Uhr, der Uhrzeit des Einsturzes, hielten Menschen den Verkehr an. Studenten blockierten Fakultäten. Zuerst Dramatische Kunst in Belgrad, dann andere Häuser, Niš, Kragujevac, Novi Sad. Auf Kundgebungen hinterließen sie rote Handabdrücke: Blut an den Händen. Mancher Ältere rümpfte die Nase: zu theatralisch. Mancher dachte an die eigenen Kinder unter fremden Vordächern und rümpfte nicht mehr.

Eine Frau um die siebzig in Novi Sad ging zwei Jahre mit Blumen an den Ort. Nicht, weil ihr Enkel dort starb – Enkel starben anderen. Weil der Bahnhof ihr Weg zum Arzt war. „Ich habe unter diesem Dach zehn Jahre auf den Bus gewartet“, würde eine solche Frau der Nachbarin sagen. „Mein Kalender hatte Glück.“ Die Namen der Toten machen wir hier nicht zur Pointe. Die Familien kennen sie.

Die Proteste wollten nicht das Plakat „Europa“. Sie wollten Ermittlung, Rücktritte, dass Staatsfirmen keine Parteibeute sind, dass der Rundfunk nicht vom Zettel liest. Das Wahlprogramm der Studentenliste, so die BBC, zielte auf Säuberung von Leuten, die gegen Demonstranten vorgingen; auf das Ende parteitreuer Direktoren in öffentlichen Betrieben; auf einen Rundfunk ohne Parteileine. Vučić und die SNS bestritten Korruption. Sie versprachen Renten, Gehälter, Kliniken. Für einen Teil der Pensionäre klang das näher als „freier Äther“. Bis Sonntag. Am Sonntag sprach die Schlange anders.

Wie aus Studenten eine Liste wurde und aus der Liste eine Mehrheit

Die Bewegung hatte keinen Anführer. Das störte die Macht: Niemand zum Spalten am Tisch. Kandidaten für die 250 Sitze kamen quer durch die Gesellschaft: Ärzte, Schauspieler, Dozenten, Sportler. Spitzenkandidat Ilija Srdanović sagte BBC Serbian: „Das wird ein freier Staat.“ Er sprach von Befreiung von Tyrannei. Für Ohren, die die neunziger Jahre kennen, ist das Wort schwer. Für Ohren, die nur Vučić kennen, ist es neu.

Der Politologe Nebojša Vladisavljević von der Universität Belgrad nannte den Sieg keine normale Wahl, sondern eine Lawine, die ein autoritäres Regime und die alte Bühne weggespült habe. Es gebe nun zwei große Kräfte, und die Studentenliste habe die volle Legitimität, Jahre zu regieren. Das ist Analyse, kein Befehl. Sie liegt auf 141 gegen 103.

Vučić selbst hatte im September Neuwahlen angesetzt. Die Rechnung eines alten Politikers: Opposition bunt, Studenten „können das nicht“, Volk müde von Zelten, hohe Beteiligung verwässert den Protest. Es kam umgekehrt. Die hohe Beteiligung traf die, die von Müdigkeit zu leben pflegten.

Eine dritte Präsidentenzeit durfte er nicht anstreben. Er wollte Premier werden, das Amt, das er 2017 verlassen hatte, als er Präsident wurde. Die Parlamentsniederlage zerbricht diese Treppe. Die Präsidentenwahl im Dezember steht im Kalender. Übergangsweise führt Parlamentspräsidentin Ana Brnabić das Amt. Wer für die Studenten Premier wird, ist die Frage der nächsten Wochen. Namen kursieren. Einen Sieger vor dem Fakt zu krönen, tun wir hier nicht.

In München, Paris, Ljubljana, Chicago und Los Angeles standen Serben der Diaspora Schlange. In Paris im Regen. Die Diaspora wählt oft härter als Belgrad. Diesmal traf die Härte die Stadt, statt gegen sie zu stehen.

Wahltag: Schlange, Polizei, Nerven

BILD schreibt: Der Tag war angespannt. In der Innenstadt sperrte die Polizei in Anti-Aufruhr-Ausrüstung das Gebiet um die Wahlkommission ab. Lokale Medien berichteten von gewaltsamen Zwischenfällen im Land. Weniger als zwei Stunden vor Schluss rief ein Vertreter der Studierenden zur Ruhe und Besonnenheit auf. Das ist die wichtige Kleinigkeit. Eine Bewegung, die zwei Jahre auf der Straße stand, fürchtete am Siegestag Blut mehr als Niederlage.

Ein Mann von 68 kam um acht Uhr ins Lokal, wie zur Schicht. Ausweis. Jacke nach Oktoberwetter. In der Schlange stand eine pensionierte Lehrerin. Zwanzig Minuten Schweigen, dann fragte sie: „Glauben Sie auch, dass sie ehrlich zählen?“ Er zuckte die Schultern. „Wenn nicht, gehen die Jungen nicht nach Hause. Wenn doch, wissen wir zum ersten Mal seit Langem, wie viele wir sind.“

Am Lokal hing das Regelplakat. Kugelschreiber an der Kette. Kabine mit Vorhang, den man immer ein bisschen zu kurz zieht. Solche Dinge stehen nicht in der BILD. Sie stehen im Gedächtnis. Wer über fünfzig ist, erinnert sich an Milošević, an die Zweitausender, an die Jahre, in denen Vučić Europa und Ordnung in einem Atem versprach. 2026 hieß Ordnung für die einen Stille. Für die anderen: dass kein Vordach tötet.

Abends rief der Sohn der Lehrerin aus der Innenstadt: „Mama, geh nicht raus, die Autos sind verrückt.“ Sie wollte nicht raus. Sie saß am Fenster und zählte Hupen. Als es zu viele wurden, weinte sie kurz, so wie Leute weinen, denen die Freude über fremdes Machtleid peinlich ist. „Ich habe ihn nicht persönlich gehasst“, würde sie einer Freundin sagen. „Ich habe gehasst, dass wir uns gewöhnt haben.“

Freund Moskaus, Tür zur EU, höfliche Drohung im Kreml

BILD nennt Vučić Putin-Freund, knapp, für deutsche Leser. Der Sachverhalt ist krummer und deshalb schärfer. Er führte Serbien als EU-Kandidaten und verhängte nach dem russischen Überfall auf die Ukraine keine Sanktionen gegen Moskau. Zwei Stühle trugen vierzehn Jahre. Wackelig wurden sie nicht von Brüssel. Von Novi Sad.

Kremlsprecher Dmitri Peskow lobte Vučićs Beitrag zu den Beziehungen mit Russland und hoffte, die „neue politische Kraft“ in Belgrad werde verstehen, dass Zusammenarbeit mit Moskau im Interesse Serbiens liege. Und: Zum Tango gehören zwei. Das ist Drohung ohne Lautstärke. Für den Rentner in Kragujevac, der Gas kauft und Russland „Bruder“ nennt, fällt der Satz auf die eine Seite. Für den Enkel im Regen an der Blockade auf die andere.

EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte, für Serbien könne ein neues Kapitel beginnen, die Tür zur EU sei offen, man sei bereit, gemeinsam voranzugehen. Brüsseler Sprache. Sie repariert kein Vordach. Sie ändert Verhandlungen. Vučić konnte Europa Fortschritt versprechen und zu Hause Souveränität. Die Studenten versprachen Antikorruption. Europa lächelt darüber oft. Das Haus nicht, wenn morgen keine Regierung steht und der alte Apparat in den Zimmern bleibt.

Ungarns Premier Péter Magyar, der Orbán im Frühjahr ablöste, sagte, er freue sich zu hören, wie viel Kraft der April-Sieg in Ungarn den Köpfen der Studentenliste gegeben habe. Politiker lieben die Rolle des Vorbilds. Die Studenten liefen zwei Jahre zu Fuß. Vorbild ist ein bequemes Wort für Leute, die schon sitzen.

Was mit Kosovo, chinesischen Krediten, Lithium, militärischer Neutralität wird, entscheidet man nicht in der Siegesnacht. Man entscheidet, wer in die Regierung geht und nicht zerfällt. Eine führerlose Bewegung gewann, weil man ihr den Kopf nicht abschlagen konnte. Ohne Kopf zu regieren ist schwerer. Das wissen alle über fünfzig, die gesehen haben, wie schöne Umstürze Ministerien werden.

Küche, Rente, das Gespräch, das man scheute

Politik kommt in die Wohnung über drei Dinge: Rente, Arzttermin, Nachrichten im Kasten. Vučić wusste das. Er versprach Erhöhungen und Baustellen. Ein Teil der Älteren wählte ihn bis zuletzt, weil „wenigstens die Straße“ und „wenigstens kein Schießen“. Der andere Teil sah, dass Straße und Vordach dieselben Hände bauen.

Am Sonntag sagte der Mann am Tisch in der Schlafsiedlung: „Wenn die Kinder gewinnen, kürzen sie uns.“ Die Frau: „Wenn die Alten gewinnen, lügen sie uns wieder den Bahnhof.“ Vierzig Jahre Ehe. Der Streit war nicht Partei. Es war Angst. Er ging zuerst wählen, sie eine Stunde später, „damit wir uns nicht durch den Vorhang anschauen“. Wen sie ankreuzten, sagten sie nicht. Abends standen beide am Fenster. Das ist schon ein gemeinsames Bild.

In der Ambulanz am Montag flüsterte die Anmeldung nicht. Graue Haare hochgesteckt, Stimme laut: „Mein Enkel ist auf dem Platz. Soll er einmal recht haben.“ Der Arzt, der anders gewählt hatte, schrieb still das Rezept. Stille ist an solchen Tagen teurer als ein Spruch. Sie heißt: Wir leben noch in einem Land.

Für deutsche BILD-Leser steckt die Nacht in „Putin-Freund verliert“. Für die serbische Küche ist Putin ein fernes Porträt. Nah sind der Sohn im Zelt, die Tochter an der Fakultät, der Enkel, der die Polizei fürchtet. Und der Nachbar, der im Aufzug brüllt, Europa habe die Studenten gekauft. Im Aufzug streitet man nicht. Man fährt drei Stockwerke. Serbiens Politik 2026: drei Stockwerke Schweigen und ein Abend voller Hupen.

Es ist klar, dass wir diese Wahlen verloren haben.

Kurz. Ohne Theater. Ein Mann, der Jahre lang auf zerstrittener Opposition gewann, sah eine Opposition, die man mit achtzehn Listen nicht spaltet. Die Studenten klebten, was Politiker nicht klebten: Müdigkeit vor Angst und das Gedächtnis an sechzehn Tote.

Was morgen wird, wenn das Fest kein Ministerium wird

Morgen ist ein zu großes Wort. Nach 141 Mandaten kommt das Langweilige: Koalitionen mit Minderheiten braucht die Mathematik nicht zwingend, Köpfe braucht sie. Wer Innenminister wird, wenn die Polizei gestern in Helmen an der Kommission stand. Wer Verkehr, wenn der Bahnhof die Erbsünde dieser Geschichte ist. Wer Finanzen, wenn man Vučićs Rentenversprechen nicht im ersten Monat zerreißt, sonst glauben die Älteren, Kulisse gewesen zu sein.

Die Studentenliste kennt keine Amtsstuben. Das ist Schwäche und Stärke. Schwäche: Bürokratie frisst Romantiker. Stärke: weniger Schulden bei Oligarchen, die man noch nicht gesammelt hat. Der Professor auf dem Podium spricht schön. Der Premier um drei Uhr nachts unterschreibt das Papier, von dem die Heizung in der Schule abhängt. Den Unterschied kennt jeder, der ein Jahr Verwaltung hinter sich hat.

Vučić versprach Kampf in der Opposition. Der Apparat aus 14 Jahren verschwindet nicht über Nacht. Gerichte, Fernsehen, Direktoren. Die Studenten versprachen Säuberung. Säuberung ohne Gesetz ist Rache. Gesetz ohne Säuberung ist die alte Serie. Zwischen den Sätzen liegt der Winter 2026/27.

Die Präsidentenwahl im Dezember kann die Spannung zurückholen. Das Parlament gehört ihm nicht mehr. Das Präsidentenamt ist ein zweites Messer. Ana Brnabić sitzt vorerst. Kandidatennamen als Sieger zu schreiben, wäre Erfindung. Wir schreiben, wenn die Kommission spricht.

In Novi Sad räumten am Montagmorgen, so lokale Berichte, Stadtwerke den Müll nach dem Fest. Das erwachsenste Bild eines Sieges: nicht die Fahne, der Besen. Leute über sechzig prüfen Umstürze so – ob die Tüten vor dem Mittag weg sind.

Der Nachbar aus dem vierten Stock, früher Meister im Werk, sagte an den Briefkästen: „Sollen sie jetzt Vordächer prüfen, nicht Reden.“ Seine Frau leise: „Und das Lehrergehalt, nicht nur Vordächer.“ Beide recht. Beide müde. Beide kreuzten am Sonntag irgendwo, und dieses Kreuz traf zum ersten Mal seit Langem das Kreuz des Enkels.

Europa wird lächeln. Moskau erinnert an den Tango. China zählt Verträge. Kosovo bleibt eine Wunde. All das kommt. Am 25. Oktober 2026 in Belgrad geschah etwas Einfacheres: Der Mann, den man für den Hausherrn hielt, sagte, er habe verloren. Die Straße glaubte ihm.

Für Leser über fünfzig liegt die Lehre nicht in „die Jugend ist toll“. Sie liegt darin, dass die Gewohnheit eines Gesichts auf dem Bildschirm bricht, wenn Beton auf Köpfe fällt. Die Gewohnheit lebte 14 Jahre. Der Beton fiel in Sekunden. Die Politik holte zwei Jahre auf. Am Sonntag holte sie auf.

Hält die neue Mehrheit den Staat, steht die Nacht im Schulbuch. Zerbricht sie in Cliquen und Kränkungen, zeigt Vučić, wie erfahrene Opposition aussieht. Beide Wege sieht man von der Küche. Vorerst sieht man Hupen. Man hört sie, wenn das Fenster auf ist.

Der Morgen danach, Brot und Briefkasten

Am 26. Oktober war Belgrad kein anderer Planet. Dasselbe Brot. Dieselbe Bahn. Im Laden an der Ecke fragte die Kassiererin mit grauem Pony den Kunden, ob er nachts geschaut habe. Er nickte. Sie sagte: „Hauptsache, es knallt nicht.“ Das ist kein Parteiprogramm. Das ist die Messlatte von Leuten, die die Neunziger besser kennen als jedes Handy.

An den Kästen stritten zwei Männer, beide über sechzig. Der eine: Die Studenten seien von außen gekauft. Der andere: Den Beton am Bahnhof habe man hier gekauft, mit eigenen Unterschriften. Sie schlugen sich nicht. Eine Nachbarin kam mit dem Müll und bat, nicht zu schreien: Der Enkel schlafe, nachts habe er vor Freude gebrüllt. Die Männer verstummten. In dieser Stille steckt mehr Politik als in jedem Hauptquartier.

BILD gab dem europäischen Leser den Rahmen: Putin-Freund verliert gegen Junge. Für das serbische Treppenhaus ist der Rahmen enger. Verloren hat, wer die Decke über den Köpfen nicht hielt – und wer dachte, hohe Beteiligung rette ihn. Die Beteiligung fraß ihn. Das sollten die Nächsten merken: Die Schlange am Lokal ist keine Dekoration.

In Novi Sad tragen Leute wieder Blumen an die Stelle des Dachs, nicht nur als Grab, auch als Wendepunkt. Ein Notarzt Ende fünfzig sagte dem Kollegen an der Zigarette: „Sollen sie jedes Vordach prüfen, mir egal, wer Premier ist.“ Die Kollegin: „Mir nicht egal. Ich habe die gewählt. Sollen sie nicht zu denen werden.“ Kurz. Besser als manche Kolumne.

Wer das aus Deutschland oder Österreich liest: Öffnen Sie die Quelle, nicht nur diesen Text. Die BILD-Nachtzahlen um 23:12 Uhr waren roh, wie Nachtzahlen roh sein müssen. Der Morgen brachte Mandate. Der Sinn blieb: Eine Macht, die unablösbar wirkte, hat das abends mit dem eigenen Mund widerlegt.

Das Fenster kann man schließen. Die Hupen verstummen. Übrig bleibt die Frage, die Ältere nach jedem neuen Gesicht stellen: Wird es wärmer und ehrlicher – oder nur lauter? Die Antwort steht nicht in der Überschrift. Sie kommt auf der Rechnung, im Urteil zum Bahnhof und in den Namen, die die Studenten in Sessel setzen. Aus den Fakten der Nacht reicht eines: Vučić verlor, die Studenten gewannen. Die Quelle steht unten, damit niemand sagt, die Geschichte sei von der Decke gefallen.

Quellen

Leitquelle dieses Textes ist der BILD-Bericht vom Wahltag. Ohne diesen Link fängt der Text nicht an und hört nicht auf.

  • BILD, 25. Oktober 2026, Marc Oliver Rühle: Vučić räumt Niederlage ein, CRTA 51,5 zu 40,4, Zitat Sajcic, Novi Sad, hohe Beteiligung, Vergleich Orbán.
  • BBC, 26. Oktober 2026: Vučić-Zitat zur Niederlage, 2,25 gegen 1,67 Millionen Stimmen, Ilija Srdanović, Feiern, Peskow, Marta Kos, Péter Magyar, Ana Brnabić.
  • Ipsos/CeSID und serbische Kommission, 26. Oktober 2026: rund 53 Prozent und 141 Mandate gegen 38,8 Prozent und 103, Beteiligung etwa 68,8 Prozent.
  • Reuters, 16. September 2025: Anklage gegen 13 Personen nach dem Bahnhofseinsturz, 16 Tote, darunter Goran Vesić.

Vučić ist 56. Seine Partei führte 14 Jahre. Den Studenten nach November 2024 fehlte „ihre“ Partei. Jetzt haben sie die Mehrheit. Der Generationenunterschied liegt nicht in der Playlist. Er liegt darin, wer zwei Jahre im Regen steht wegen sechzehn Leben. Nicht alle Älteren verstanden das sofort. Am Sonntag verstanden genug, für 141 Sessel.

Das reicht, um Macht zu wechseln. Ob es reicht, die Lüge am Bau zu wechseln, bleibt auf dem Tisch neben dem leeren Glas und der Fernbedienung, die nie auf Fußball sprang.

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