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Nächste Traditionsbäckerei fällt! Bäckerei Moos mit 59 Filialen und 480 Mitarbeitern unter Schutzschirm

Es ist kurz nach vier Uhr morgens in Aßlar. Die Straßen sind noch dunkel, die Fenster der meisten Häuser schwarz. Nur in der großen Produktionshalle der Bäckerei Moos brennt Licht. Die Öfen heulen leise, Mehlstaub schwebt in der Luft, und der vertraute Geruch von Hefe und frisch gebackenem Brot zieht durch die Räume. Für die Bäcker, die hier seit Jahrzehnten arbeiten, ist das der Alltag. Für viele von ihnen könnte es bald der letzte Alltag sein, den sie kennen.

Die Nachricht hat die Region erschüttert: Die Bäckerei Moos, ein Familienunternehmen mit 59 Filialen und rund 480 Mitarbeitern, hat beim Amtsgericht Wetzlar ein Sanierungsverfahren unter dem sogenannten Schutzschirm beantragt. Das Gericht hat den Antrag genehmigt. Was für Außenstehende wie ein trockener Wirtschaftstitel klingt, ist für Hunderte Familien in Mittelhessen ein persönlicher Schlag in die Magengrube.

„Ich bin um halb fünf aufgestanden, wie jeden Tag“, erzählt ein langjähriger Bäcker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Dann kommt der Anruf von einem Kollegen. ‚Hast du schon gehört?‘ Ich dachte zuerst an einen schlechten Scherz. Aber es war keiner.“

Die Zahlen sind nüchtern und brutal: 59 Filialen. 480 Beschäftigte. Ein Betrieb, der 1986 von Hartmut Moos gegründet wurde und über vier Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil des Alltags in Aßlar, Wetzlar und den umliegenden Orten geworden ist. Im April 2026 hatte sich der Firmengründer aus der aktiven Geschäftsführung zurückgezogen. Wenige Monate später steht das Unternehmen vor der größten Herausforderung seiner Geschichte.

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Was hinter dem Begriff „Schutzschirm“ wirklich steckt

Viele Menschen verwechseln den Schutzschirm mit der endgültigen Pleite. Das ist ein folgenschweres Missverständnis – und gleichzeitig eine gefährliche Verharmlosung. Beim Schutzschirmverfahren handelt es sich um eine besondere Form der Sanierung in Eigenverwaltung. Das Unternehmen bleibt handlungsfähig, die Geschäftsführung behält die Kontrolle. Ein gerichtlich bestellter Sachwalter – in diesem Fall der Insolvenzrechtsexperte Professor Dr. Jan Roth – überwacht lediglich die Interessen der Gläubiger und achtet darauf, dass keine Vermögenswerte beiseitegeschafft werden.

Voraussetzung dafür ist, dass das Unternehmen noch nicht zahlungsunfähig ist und realistische Sanierungsaussichten bestehen. Genau das betonen die Verantwortlichen der Bäckerei Moos. „Die Voraussetzungen hierfür sind, dass das Unternehmen bisher nicht zahlungsunfähig ist und positive Sanierungsaussichten vorliegen“, erklärte Kommunikationsberater Holger Voskuhl gegenüber BILD. Das Unternehmen habe noch genügend Liquidität in der Kasse. Das Verfahren diene dazu, den Betrieb zukunftsfähig aufzustellen, bevor die Lage unkontrollierbar werde.

Als Sanierungsgeschäftsführer wurde Stefan Hofherr eingesetzt. Gemeinsam mit dem Sachwalter soll in den kommenden Wochen und Monaten ein belastbarer Sanierungsplan erarbeitet werden. Das eigentliche Insolvenzverfahren soll voraussichtlich im Januar 2027 eröffnet werden. Bis dahin laufen Produktion und Verkauf vorerst uneingeschränkt weiter. Die Gehälter der Beschäftigten sind für die Monate Oktober bis Dezember über das Insolvenzgeld abgesichert – ein wichtiger, aber zeitlich begrenzter Schutz für die Menschen, die jeden Morgen um vier Uhr aufstehen, um Brötchen zu backen.

„Wir prüfen gerade erst die Möglichkeiten. Für Aussagen dazu ist es noch zu früh. Wir führen verschiedene Gespräche und entwickeln einen Sanierungsplan.“

So klingt es offiziell. Hinter den Kulissen wissen jedoch alle Beteiligten: Ein Sanierungsplan ohne Einschnitte ist in der aktuellen Branchenlage kaum vorstellbar. Die Frage ist nicht, ob es Veränderungen geben wird – sondern wie tief sie greifen werden und wer am Ende den Preis zahlt.

Die Kostenfalle, aus der kaum noch jemand entkommt

Wer die Geschichte der deutschen Bäckereien in den letzten Jahren verfolgt, erkennt ein erschreckend klares Muster. Die Bäckerei Moos ist kein Einzelfall. Sie ist das jüngste Glied in einer Kette von Traditionsbetrieben, die unter dem Druck steigender Kosten zusammenbrechen.

Mehl, Energie, Personal, Mieten – alles ist teurer geworden. Besonders die Energiepreise seit dem Beginn des Ukraine-Krieges haben vielen Betrieben den Boden unter den Füßen weggezogen. Während Discounter mit industriell hergestellten Backwaren zu Dumpingpreisen locken, kämpfen handwerkliche Bäckereien mit Produktionskosten, die sie nicht mehr vollständig an die Kunden weitergeben können. „Die Leute kaufen dann eben beim Discounter“, sagt ein Brancheninsider aus Hessen, der selbst mehrere Betriebe berät. „Ein Brötchen für 40 Cent statt für 65 Cent – da überlegen viele nicht lange. Und wenn das Portemonnaie eng ist, gewinnt der Preis gegen die Qualität.“

Die Zahlen der Auskunftei Creditreform sprechen eine deutliche Sprache. Im ersten Halbjahr 2026 meldeten bundesweit 63 Bäckereien und Konditoreien Insolvenz an – 40 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und das sind nur die Betriebe, die selbst backen und verkaufen. Reine Verkaufsstellen ohne eigene Herstellung sind in dieser Statistik gar nicht erfasst. Das eigentliche Bäckereisterben spielt sich oft still und ohne förmliches Verfahren ab: Betriebsaufgaben, Schließungen, stille Liquidationen. Die Zahl der Meisterbäckereien ist von 12.611 im Jahr 2014 auf 8.659 Ende 2025 gesunken – ein Verlust von über 3.900 Betrieben in wenig mehr als einem Jahrzehnt.

Gleichzeitig werden die verbleibenden Betriebe größer. Die kleinen Familienbäckereien mit einer oder zwei Filialen verschwinden, die großen Ketten und Discounter gewinnen Marktanteile. Was als „Strukturwandel“ bezeichnet wird, bedeutet für Tausende von Menschen den Verlust ihrer beruflichen Heimat und für viele Städte und Dörfer den Verlust eines Stücks Identität.

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Was die Mitarbeiter jetzt wirklich spüren – Stimmen aus der Belegschaft

Für die 480 Beschäftigten der Bäckerei Moos beginnt eine Phase der Ungewissheit, die schwerer wiegt als jede offizielle Mitteilung. Viele von ihnen arbeiten seit Jahrzehnten im Unternehmen. Sie kennen die Kunden mit Namen, wissen, wer welche Brötchensorte mag und wer am Samstagmorgen besonders früh kommt, um noch warme Schrippen zu bekommen.

„Es ist nicht nur ein Job“, erzählt ein Bäcker, der seit 22 Jahren in der Produktion arbeitet und dessen Hände die typischen Narben und Schwielen des Handwerks tragen. „Man steht nachts auf, wenn andere schlafen. Man hat Mehl unter den Fingernägeln und den Geruch von Hefe in der Nase. Das ist Teil von einem geworden. Und jetzt hängt alles in der Luft. Man geht morgens in die Halle und weiß nicht, ob man in drei Monaten noch hier steht.“

Eine Verkäuferin aus einer Filiale in der Nähe von Wetzlar schildert die Stimmung unter den Kollegen: „Am ersten Tag nach der Nachricht war es ganz still. Die Leute haben sich angeschaut und kaum gesprochen. Dann kamen die ersten Fragen: Was passiert mit uns? Bleiben die Filialen offen? Werden Stellen gestrichen? Niemand konnte eine Antwort geben. Das ist das Schlimmste – das Nichtwissen.“

Die Sicherung über das Insolvenzgeld bis Ende Dezember gibt zunächst einmal Sicherheit. Doch ab Januar 2027 müsste das Unternehmen die Personalkosten wieder selbst tragen. Bis dahin muss ein tragfähiger Plan stehen. Ob und wie viele Filialen geschlossen werden, ob Arbeitsplätze abgebaut werden – dazu gibt es noch keine verbindlichen Aussagen. „Für Aussagen dazu ist es noch zu früh“, betont die Unternehmensseite. In anderen Betrieben der Branche sah die Realität nach dem Schutzschirm oft anders aus.

Wenn der Schutzschirm nicht ausreicht – die bittere Realität anderer Betriebe

Bei der Thüringer Traditionsbäckerei Lampe beispielsweise wurden nach der Insolvenz 15 von 44 Filialen geschlossen. Die Mitarbeiterzahl sank von 280 auf rund 150. Ähnliche Szenarien kennt man aus Brandenburg, wo die Bäckerei Wahl mit über 50 Filialen und mehr als 400 Mitarbeitern insolvent wurde, und aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Die Hoffnung auf eine Sanierung ohne Blut ist in der aktuellen Lage oft trügerisch.

„Man muss ehrlich sein“, sagt ein Insolvenzverwalter, der mehrere Bäckereien begleitet hat und namentlich nicht genannt werden möchte. „In den allermeisten Fällen geht es nicht ohne Einschnitte. Die Kostenstruktur ist so aus dem Gleichgewicht geraten, dass man entweder Standorte schließen oder Personal reduzieren muss – oft beides. Der Schutzschirm kauft Zeit. Er löst die strukturellen Probleme nicht von allein.“

Für die Beschäftigten der Bäckerei Moos bedeutet das: Warten, hoffen und weiterarbeiten. Die Öfen laufen, die Regale werden gefüllt, die Kunden kommen. Doch der Geruch von frischem Brot mischt sich jetzt mit der bangen Frage, wie lange das noch so bleiben wird.

Der Rückzug des Gründers und der schwierige Generationswechsel

Im April 2026 hatte sich Hartmut Moos nach 40 Jahren an der Spitze des Unternehmens aus der Geschäftsführung zurückgezogen. Der Zeitpunkt war kein Zufall. Viele Beobachter sehen darin den Versuch, dem Betrieb rechtzeitig eine neue Führung zu geben, bevor die wirtschaftliche Schieflage unumkehrbar wurde. Doch der Generationswechsel fiel in eine Phase, in der die äußeren Bedingungen für handwerkliche Bäckereien so ungünstig sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Familienbetriebe leben von Kontinuität, von der Weitergabe von Wissen und Werten. Wenn der Gründer geht und gleichzeitig die Kosten explodieren, entsteht ein Vakuum, das schwer zu füllen ist. Die neuen Verantwortlichen stehen vor der Aufgabe, nicht nur Zahlen zu sanieren, sondern auch das Vertrauen der Belegschaft und der Kunden zu erhalten. Das ist in einer Branche, die ohnehin unter Fachkräftemangel leidet, besonders schwierig.

In Aßlar und den umliegenden Orten ist die Bäckerei Moos mehr als nur ein Geschäft. Sie ist Treffpunkt, Morgenritual, Stück Heimat. Viele ältere Kunden kommen nicht nur wegen des Brotes, sondern wegen des kurzen Gesprächs an der Theke. „Die kennen mich seit 30 Jahren“, sagt eine Rentnerin aus Wetzlar, die jeden Morgen ihre zwei Brötchen und ein Vollkornbrot holt. „Wenn die schließen, weiß ich nicht, wohin ich dann gehen soll. Beim Discounter spricht doch niemand mit einem. Da stehst du an der Selbstbedienungstheke und fühlst dich wie eine Nummer.“

Warum die Discounter gewinnen – und das Handwerk systematisch verliert

Der Wettbewerb mit den großen Lebensmittelketten ist ungleich. Discounter produzieren Backwaren in riesigen Mengen, oft mit hochautomatisierten Anlagen und günstigen Rohstoffen aus dem Ausland. Die Preise liegen deutlich unter denen der klassischen Bäckereien. Für viele Verbraucher, deren Haushaltsbudget durch Inflation und Energiekosten ohnehin belastet ist, ist der Preisunterschied entscheidend.

Handwerkliche Bäckereien dagegen setzen auf Qualität, frische Zutaten und traditionelle Verfahren. Das kostet. Und diese Kosten lassen sich nicht mehr vollständig über den Verkaufspreis decken. „Wir können die Preise nicht endlos erhöhen“, erklärt ein Bäckermeister aus einer anderen hessischen Kette, die selbst gerade ums Überleben kämpft. „Irgendwann bleiben die Kunden weg. Dann hilft auch die beste Qualität nichts mehr. Die Leute haben einfach nicht mehr das Geld dafür.“

Hinzu kommen steigende Personalkosten, der Fachkräftemangel und hohe Mietforderungen an guten Standorten. Viele Betriebe haben in den vergangenen Jahren massiv in Modernisierung und Digitalisierung investiert – und stehen nun trotzdem vor der Insolvenz. Die Rechnung geht schlicht nicht mehr auf. Der klassische Bäcker, der nachts backt und morgens verkauft, wird systematisch vom Markt gedrängt.

Was jetzt auf dem Spiel steht – weit mehr als nur Arbeitsplätze

Für die Region Mittelhessen ist die Entwicklung der Bäckerei Moos ein Alarmsignal. 480 Arbeitsplätze sind in einer strukturschwachen Gegend keine Kleinigkeit. Viele der Beschäftigten haben Familien, Kredite, langfristige Verpflichtungen. Ein Arbeitsplatzverlust würde für sie weit mehr bedeuten als nur den Verlust des Einkommens. Es würde bedeuten, dass man neu anfangen muss – in einem Alter, in dem das nicht mehr leichtfällt, und in einer Branche, die selbst unter Druck steht.

Gleichzeitig steht ein Stück regionaler Identität auf dem Spiel. Die Bäckerei Moos gehört seit vier Jahrzehnten zum Straßenbild. Ihre Filialen sind Anlaufstellen für Jung und Alt. Wenn solche Betriebe verschwinden, verändert sich das Gesicht der Städte und Dörfer. Was bleibt, sind anonyme Verkaufsflächen in Supermärkten – effizient, günstig, aber seelenlos. Der Duft von frischem Brot, der morgens durch die Straßen zieht, wird seltener. Die kurzen Gespräche an der Theke verschwinden. Ein Stück sozialer Infrastruktur geht verloren.

Die Verantwortlichen betonen, dass der Geschäftsbetrieb zunächst weiterläuft. Produktion und Verkauf sind gesichert. Das gibt den Kunden zumindest die Sicherheit, dass sie ihre gewohnten Brötchen und Brote vorerst weiter kaufen können. Doch die Unsicherheit bleibt. Jeder Tag, an dem keine klaren Perspektiven kommuniziert werden, nagt am Vertrauen – bei den Mitarbeitern und bei den Kunden gleichermaßen.

Ein Blick auf die Branche: Wer noch kämpft und wer schon aufgegeben hat

Die Liste der insolventen oder von Schließungen bedrohten Bäckereien wird länger. In Thüringen kämpft die Traditionsbäckerei Lampe ums Überleben und schließt mehr als ein Drittel ihrer Filialen. In Brandenburg musste die Bäckerei Wahl mit über 50 Filialen und mehr als 400 Mitarbeitern Insolvenz anmelden. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg zeichnen sich ähnliche Bilder ab. Selbst Betriebe mit über 100-jähriger Geschichte sind nicht mehr sicher.

Gleichzeitig gibt es vereinzelt positive Signale. Einige Betriebe finden Investoren, andere schaffen es, mit schlankeren Strukturen weiterzumachen. Doch der Trend ist klar: Die Zahl der klassischen Handwerksbäckereien sinkt, während die großen Ketten und Discounter Marktanteile gewinnen. Was als „Strukturwandel“ bezeichnet wird, bedeutet für Tausende von Menschen den Verlust ihrer beruflichen Heimat.

Für die Beschäftigten der Bäckerei Moos heißt das: Warten, hoffen und weiterarbeiten. Die Öfen laufen, die Regale werden gefüllt, die Kunden kommen. Doch der Geruch von frischem Brot mischt sich jetzt mit der bangen Frage, wie lange das noch so bleiben wird.

Was Kunden und Mitarbeiter jetzt wissen sollten

Für die Kunden ändert sich zunächst nichts. Die Filialen bleiben geöffnet, das Sortiment steht weiterhin zur Verfügung. Wer seine gewohnte Bäckerei unterstützen möchte, kann das am besten tun, indem er weiterhin dort einkauft. Jeder verkaufte Laib Brot, jedes Brötchen hilft in dieser Phase. Es ist ein kleines, aber konkretes Zeichen der Solidarität.

Für die Mitarbeiter gilt: Die Gehälter sind bis Ende Dezember über das Insolvenzgeld abgesichert. Ab Januar 2027 muss das Unternehmen die Kosten wieder selbst tragen. Bis dahin sollte ein Sanierungsplan vorliegen, der Klarheit über die Zukunft der einzelnen Standorte und Arbeitsplätze schafft. Bis dahin bleibt die Ungewissheit – und die Hoffnung, dass der Schutzschirm hält.

Ob die Bäckerei Moos den Schutzschirm erfolgreich nutzen und als handwerklicher Betrieb bestehen bleibt, wird sich in den kommenden Monaten entscheiden. Die Voraussetzungen sind nach Angaben der Verantwortlichen gegeben. Doch die Realität der Branche zeigt: Gute Voraussetzungen allein reichen oft nicht aus. Es braucht einen realistischen Plan, die Bereitschaft zu schmerzhaften Einschnitten und das Glück, dass die Kunden treu bleiben.

In Aßlar und den umliegenden Orten wird man die Entwicklung genau beobachten. Denn es geht um mehr als um eine einzelne Firma. Es geht um die Frage, ob es in Deutschland noch Platz gibt für traditionelle Bäckereien, die nachts backen und morgens den Duft von frischem Brot in die Straßen tragen. Oder ob dieser Geruch irgendwann nur noch aus den Industrieöfen der Discounter kommt – steril, effizient und ohne die Menschen, die dahinterstehen.

Die nächsten Wochen werden entscheidend sein. Bis dahin bleibt der Schutzschirm über der Bäckerei Moos gespannt – und mit ihm die Hoffnung von 480 Menschen, die jeden Tag aufstehen, um Brot zu backen. Für sie ist es nicht nur ein Job. Es ist ihr Leben.

Die menschliche Seite hinter den Zahlen – Familien, die bangen

Hinter jeder der 480 Stellen steckt ein Mensch mit einer Geschichte. Da ist die alleinerziehende Mutter, die seit zwölf Jahren in einer Filiale in der Nähe von Wetzlar arbeitet und deren gesamte Tagesstruktur auf die Schichtzeiten abgestimmt ist. Da ist der ältere Bäcker, der kurz vor der Rente steht und sich fragt, ob er den letzten Abschnitt seines Berufslebens noch in Würde zu Ende bringen kann. Da sind junge Menschen in der Ausbildung, die sich gerade erst für das Handwerk entschieden haben und nun mitansehen müssen, wie unsicher die Zukunft dieser Branche ist.

„Mein Sohn macht gerade die Ausbildung zum Bäcker“, erzählt eine Kollegin aus der Produktion. „Er wollte das von klein auf. Jetzt sitzt er abends am Tisch und fragt mich: Mama, hat das überhaupt noch Sinn? Ich weiß nicht, was ich ihm antworten soll. Die Wahrheit ist: Ich weiß es selbst nicht.“

Solche Gespräche finden derzeit in vielen Haushalten in Mittelhessen statt. Die Unsicherheit frisst sich in den Alltag. Man plant keine größeren Anschaffungen mehr. Man schiebt den Urlaub auf. Man rechnet durch, was passiert, wenn das Gehalt wegfällt. Das Insolvenzgeld bis Ende Dezember gibt eine Atempause – aber keine Antwort auf die Frage, wie es danach weitergeht.

Warum der deutsche Mittelstand an dieser Stelle besonders verwundbar ist

Die Bäckerei Moos steht stellvertretend für ein Problem, das weit über die Backbranche hinausreicht. Der deutsche Mittelstand, oft als Rückgrat der Wirtschaft bezeichnet, gerät an immer mehr Stellen unter Druck. Hohe Energiekosten, steigende Lohnnebenkosten, Bürokratie und der Wettbewerb mit globalen Konzernen und Discountern machen vielen Familienunternehmen das Leben schwer.

Besonders betroffen sind Branchen, in denen man nicht einfach die Produktion ins Ausland verlagern kann. Ein Bäcker kann seine Öfen nicht nach Osteuropa oder Asien schicken. Er muss vor Ort produzieren, vor Ort verkaufen und vor Ort die Kosten tragen. Wenn diese Kosten steigen und die Kunden gleichzeitig preissensibler werden, bleibt wenig Spielraum.

„Wir sehen das in vielen Handwerksberufen“, sagt ein Wirtschaftsexperte aus Frankfurt, der mittelständische Betriebe berät. „Die Kostensteigerungen der letzten Jahre waren so heftig, dass viele Betriebe sie nicht mehr auffangen konnten. Gleichzeitig fehlt oft das Kapital, um in Effizienzsteigerungen zu investieren. Das Ergebnis sind Insolvenzen und Betriebsaufgaben – und ein schleichender Verlust an Vielfalt und regionaler Verwurzelung.“

Was ein erfolgreicher Sanierungsplan leisten müsste

Damit die Bäckerei Moos den Schutzschirm erfolgreich nutzen kann, müsste ein Sanierungsplan mehrere Dinge gleichzeitig leisten. Er müsste die Kostenstruktur so anpassen, dass der Betrieb wieder profitabel wird. Er müsste möglichst viele Arbeitsplätze erhalten. Und er müsste das Vertrauen der Kunden und der Belegschaft zurückgewinnen.

In der Praxis bedeutet das oft schmerzhafte Entscheidungen: die Schließung unrentabler Filialen, die Neuverhandlung von Mietverträgen, die Überprüfung des Sortiments, möglicherweise den Abbau von Stellen. Gleichzeitig muss die Qualität erhalten bleiben – denn genau die ist der einzige echte Wettbewerbsvorteil gegenüber den Discountern.

Ob das gelingt, hängt von vielen Faktoren ab: von der Bereitschaft der Gläubiger, Zugeständnisse zu machen, von der Fähigkeit der neuen Geschäftsführung, harte Entscheidungen zu treffen und zu kommunizieren, und von der Treue der Kunden in den kommenden Monaten. Der Schutzschirm gibt Zeit – aber er garantiert keinen Erfolg.

Ein Morgen in Aßlar – und die Frage, die bleibt

Am nächsten Morgen stehen die Kunden wieder vor den Filialen. Manche wissen von der Nachricht, manche nicht. Die Verkäuferinnen lächeln wie immer, die Brötchen sind warm, der Kaffee dampft. Von außen sieht alles aus wie immer. Doch hinter den Kulissen hat sich etwas verändert. Die Gespräche in der Pause sind leiser geworden. Die Blicke sind ernster. Die Frage, die niemand laut ausspricht, schwebt über allem: Wie lange noch?

Für die Menschen in Mittelhessen ist die Bäckerei Moos mehr als ein Unternehmen. Sie ist Teil des Alltags, Teil der Gewohnheit, Teil des Gefühls, dass die Welt noch in Ordnung ist, wenn morgens der Duft von frischem Brot durch die Straßen zieht. Wenn dieses Gefühl verloren geht, geht mehr verloren als nur ein paar Arbeitsplätze.

Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob der Schutzschirm hält und ob die Traditionsbäckerei aus Aßlar eine Zukunft hat. Bis dahin bleibt nur eines: weiterbacken, weiterverkaufen, weiterhoffen. Und abwarten, was der Sanierungsplan bringen wird.

480 Menschen und ihre Familien hoffen, dass es gut ausgeht. Die Region hofft mit ihnen. Denn wenn selbst Betriebe mit 40 Jahren Geschichte und hunderten Mitarbeitern nicht mehr sicher sind, dann stellt sich die Frage, wer in diesem Land eigentlich noch sicher ist.

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