Tel Aviv – Es sind Tage des Terrors und der Ungewissheit. Am Dienstag, dem 27. Oktober 2026, geht Israel an die Urnen. Viele Israelis sprechen von einer „Schicksalswahl“ oder der „wichtigsten Wahl ihres Lebens“. Nach rund 19 Jahren an der Macht könnte die Ära von Premierminister Benjamin Netanjahu enden. Die Opposition wirft ihm vor, die Warnungen vor dem Terror-Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 nicht ernst genommen zu haben und keine persönliche Verantwortung für die Versäumnisse zu übernehmen. Gleichzeitig hat „Bibi“, wie er im Volksmund genannt wird, einen mächtigen Verbündeten: den US-Präsidenten Donald Trump. Der hat ihm vor wenigen Tagen eine klare Wahlempfehlung ausgesprochen.
Doch Trumps Unterstützung könnte zu spät kommen. In den meisten aktuellen Umfragen kommt das Regierungslager um Netanjahu nicht mehr auf die erforderlichen 61 Sitze im 120-köpfigen Knesset. Eine am Freitag veröffentlichte Umfrage des Instituts Lazar Research für die Zeitung „Maariv“ sieht das Regierungslager bei nur noch 48 Mandaten. Der aussichtsreichste Herausforderer ist der ehemalige Generalstabschef Gadi Eisenkot mit seiner Partei Yashar! („Aufrecht!“). Er führt in mehreren Umfragen, doch auch ihm fehlt eine klare Mehrheit. Es drohen lange Koalitionsverhandlungen – oder im schlimmsten Fall Neuwahlen.
Die Atmosphäre im Land ist angespannt. In den Straßen von Tel Aviv und Jerusalem hängen riesige Plakate. Auf der einen Seite Netanjahu mit dem Slogan seiner Partei Likud, auf der anderen Eisenkot mit dem blauen Hintergrund von Yashar. Die Menschen diskutieren in Cafés, in Synagogen und an den Busstationen. Viele sagen: „Diesmal ist es anders. Diesmal geht es um die Zukunft unseres Landes nach dem 7. Oktober.“

Die Umfragen: Ein knappes Rennen ohne klaren Sieger
Die letzten Umfragen vor dem Wahlverbot zeichnen ein eindeutiges Bild: Weder Netanjahus Block noch der Oppositionsblock erreichen die magische Grenze von 61 Sitzen. Im Durchschnitt der jüngsten Erhebungen von Channel 12, Channel 13, Channel 14 und Maariv liegt Eisenkots Yashar bei etwa 22 Sitzen, Likud bei knapp 20. Naftali Bennetts B’Yachad folgt mit rund 14–15 Sitzen. Die arabischen Parteien Joint List und Ra’am kommen zusammen auf etwa 14 Sitze. Kleine Parteien wie die Reservisten-Partei von Yoaz Hendel schwanken um die 3,25-Prozent-Hürde.
Eine Analyse zeigt: Der durchschnittliche Abstand zwischen den beiden großen Blöcken liegt bei etwa 4,5 Sitzen. In manchen Umfragen liegt der Anti-Netanjahu-Block bei 54 Sitzen, der Pro-Netanjahu-Block bei 48 bis 50. Eine Umfrage von i24NEWS sah Netanjahus Lager sogar bei 59 – immer noch zwei unter der Mehrheit. Das bedeutet: Wer auch immer Premierminister wird, wird auf schwierige Verhandlungen angewiesen sein. 60 Prozent der Israelis wünschen sich laut einer Umfrage eine Einheitsregierung.
„Trumps Wahlempfehlung könnte Netanjahu einen zusätzlichen Sitz bringen“, sagte Michael Oren, ehemaliger israelischer Botschafter in den USA, im Gespräch mit BILD. „Vor sechs oder sieben Monaten hätte sie noch deutlich mehr bewirkt.“ Der Grund: Viele Israelis sind enttäuscht über die Ergebnisse des Krieges gegen den Iran und die anhaltende Situation in Gaza.
Die Umfragen zeigen auch, dass die Wähler sehr mobilisiert sind. Die Wahlbeteiligung könnte hoch sein. Viele junge Soldaten und Reservisten, die in den Kriegen der letzten Jahre gekämpft haben, wollen ihre Stimme abgeben. Gleichzeitig gibt es in den arabischen Gemeinden Unsicherheit und Frustration über die politische Lage und die hohe Kriminalität.
Wer ist Gadi Eisenkot – der General, der Premierminister werden will?
Gadi Eisenkot, 66 Jahre alt, geboren am 19. Mai 1960 in Tiberias, ist der Sohn marokkanischer Einwanderer. Die Familie zog früh nach Eilat an das Rote Meer. Er ist der zweite von mehreren Geschwistern und Vater von fünf Kindern. Sein Sohn Gal fiel am 7. Dezember 2023 im Norden des Gazastreifens im Kampf. Dieser persönliche Verlust prägt seine öffentliche Haltung bis heute. „Ich werde alles tun, um des hohen Preises würdig zu sein, den Gal gezahlt hat“, sagte er später bei einer Gedenkveranstaltung.
Eisenkot diente über 40 Jahre in der IDF, vor allem in der Golani-Brigade. Von 2015 bis 2019 war er Generalstabschef unter Netanjahu. Er gilt als disziplinierter, strategisch denkender Offizier. Er war maßgeblich an Operationen gegen die Hezbollah-Tunnel und die iranische Präsenz in Syrien beteiligt. Nach dem 7. Oktober 2023 trat er in die Notstandsregierung ein und saß als Beobachter im Kriegskabinett. Im Juni 2024 verließ er die Regierung zusammen mit Benny Gantz. 2025 gründete er die Partei Yashar.
Yashar bedeutet „gerade“ oder „aufrecht“. Der Name ist inspiriert von einem Satz eines ehemaligen Geisels. Eisenkot positioniert sich als Mann der Mitte, der Verantwortung und Klarheit fordert. Er will eine staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober – etwas, das Netanjahu bislang abgelehnt hat. Er lehnt einen palästinensischen Staat ab und fordert die Entwaffnung der Hamas, bevor Israel sich aus Gaza zurückzieht. Er hat versprochen, die Herrschaft der Hamas innerhalb von 18 Monaten zu beenden – notfalls mit Gewalt.
Seine Unterstützer sehen in ihm den ruhigen, professionellen Führer, den Israel nach Jahren der Polarisierung braucht. Seine Kritiker sagen, er habe zu wenig politische Erfahrung und keine klare zivile Agenda. Doch in den Umfragen liegt er vorn. Viele Mizrahi-Wähler, die traditionell Likud wählen, schauen sich ihn an – er wäre der erste Premierminister mit marokkanischen Wurzeln.

Netanjahu und die Last des 7. Oktober
Benjamin Netanjahu, 77, ist der am längsten amtierende Premierminister Israels. Seine Gegner werfen ihm vor, die Warnungen vor dem Hamas-Angriff ignoriert zu haben und keine persönliche Verantwortung übernommen zu haben. Die Opposition kritisiert zudem, dass Israel unter seiner Führung international isoliert worden sei. Gleichzeitig hat seine Regierung den Siedlungsbau im Westjordanland massiv vorangetrieben. Seine ultrarechten Partner Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir fordern sogar die Annexion.
Netanjahu selbst präsentiert sich als der einzige, der Israel sicher führen kann – besonders im Kampf gegen den Iran. Seine Regierung hat in den vergangenen Jahren militärische Schläge gegen iranische Ziele geführt. Doch viele Israelis sind kriegsmüde. Die Geiseln, die noch in Gaza festgehalten werden, die wirtschaftliche Belastung und die innenpolitische Polarisierung lasten schwer.
In diesen Tagen des Terrors – so beschreibt es die BILD – steht das Land vor einer Entscheidung, die weit über die Person Netanjahus hinausgeht. Es geht um die Frage, wie Israel nach den Kriegen in Gaza, dem Libanon und dem Iran weitergeht. Netanjahu hat in seiner langen Karriere schon viele Krisen überlebt. Er ist bekannt für seine Fähigkeit, politische Überraschungen zu landen. Doch diesmal scheint der Gegenwind stärker zu sein als je zuvor.
Seine Anhänger argumentieren, dass nur er die Stärke hat, die Feinde Israels abzuschrecken. Seine Gegner sagen, dass genau diese Stärke Israel in eine Isolationsfalle geführt hat und dass Verantwortung und Rechenschaftspflicht wichtiger sind als pure Macht.
Trumps späte Unterstützung – Hilfe oder Symbol?
Neun Tage vor der Wahl sprach Donald Trump dem israelischen Premierminister eine klare Empfehlung aus. Er nannte Netanjahu einen „großartigen Premierminister und Krieger und einen noch großartigeren Partner für den Frieden im Kampf gegen die Islamische Republik Iran“. Trump schrieb auf Truth Social: „Wenn Israel den falschen Führer hat, müsste Amerika diese Arbeit selbst erledigen – und dazu neige ich nicht.“
Es ist das erste Mal in der Geschichte der US-israelischen Beziehungen, dass ein amtierender US-Präsident so explizit einen Kandidaten in israelischen Wahlen unterstützt. Netanjahu nutzte die Unterstützung sofort für seinen Wahlkampf. Doch Experten wie Michael Oren bezweifeln, dass sie noch den entscheidenden Unterschied macht. Viele Israelis sind enttäuscht über den Verlauf des Iran-Krieges und die ausbleibenden klaren Ergebnisse.
Eisenkot und andere Oppositionsführer betonten, dass allein die israelischen Wähler entscheiden – nicht Washington. „Wir sind ein souveränes Land“, sagte ein enger Mitarbeiter Eisenkots. „Die Freundschaft mit den USA ist wichtig, aber die Entscheidung liegt bei uns.“
Trumps Unterstützung zeigt, wie eng die persönliche Beziehung zwischen den beiden Führern ist. Gleichzeitig hat sie in Teilen der israelischen Öffentlichkeit gemischte Gefühle ausgelöst. Manche sehen sie als wichtigen Rückhalt, andere als Einmischung von außen.
Die Positionen im Überblick: Wo liegen die Unterschiede?
Iran: Sowohl Netanjahu als auch Eisenkot betrachten Militärschläge als legitimes Mittel, um zu verhindern, dass der Iran eine Atombombe bekommt. Der Unterschied: Netanjahu hat erklärt, das Terror-Regime in Teheran stürzen zu wollen. Eisenkot hält einen militärisch erzwungenen Regimewechsel für unrealistisch. Beide wollen jedoch den iranischen Einfluss in der Region zurückdrängen.
Gaza und Zwei-Staaten-Lösung: Beide fordern die Entwaffnung der Hamas vor einem Rückzug. Beide schließen neue Militäroperationen nicht aus. Eisenkot hat sogar versprochen, die Herrschaft der Hamas in 18 Monaten zu beenden. Beide lehnen einen palästinensischen Staat ab. Die Frage der Geiseln bleibt ein emotionaler Kernpunkt für beide Lager.
Westjordanland: Hier sind die Unterschiede am größten. Netanjahus Regierung hat den Siedlungsbau massiv ausgeweitet. Seine Partner fordern die Annexion. Eisenkot lehnt eine Annexion ab und will härter gegen illegale Außenposten und gewalttätige jüdische Extremisten vorgehen. Gleichzeitig unterstützt auch er die Sicherheit der Siedlungen.
Diese Punkte zeigen: Ein Regierungswechsel würde die Außen- und Sicherheitspolitik Israels nicht grundlegend ändern. Die Unterschiede liegen eher im Stil, in der Bereitschaft zur Verantwortung und in der Innenpolitik – Religion und Staat, Wehrpflicht, Wirtschaft und der Umgang mit den ultraorthodoxen Gemeinschaften.
Der historische Kontext: Warum diese Wahl so besonders ist
Israel hat seit 2019 mehrere Wahlen hinter sich. Die politische Instabilität war über Jahre hinweg ein Markenzeichen. Die 25. Knesset war die erste seit 1988, die ihre volle Amtszeit durchhielt. Jetzt steht das Land vor der ersten regulären Wahl seit Jahrzehnten – und sie findet in einem völlig veränderten Sicherheitsumfeld statt.
Der 7. Oktober 2023 hat alles verändert. Der Angriff der Hamas, die Geiselnahmen, die Kriege in Gaza, gegen die Hezbollah und den Iran haben die israelische Gesellschaft tief geprägt. Die Frage der Verantwortung ist nicht mehr nur eine politische, sondern eine moralische. Viele Familien haben Angehörige verloren. Die Reservisten, die monatelang im Einsatz waren, fordern Klarheit und Führung.
In diesem Klima tritt Eisenkot als jemand auf, der die Sprache der Armee spricht und gleichzeitig Verantwortung fordert. Netanjahu tritt als der erfahrene Staatsmann auf, der die Feinde kennt und die USA an seiner Seite hat.
Was passiert nach dem Wahlabend?
Ob schon am Abend des 27. Oktober klar ist, wer Premierminister wird, ist völlig offen. Selbst wenn Eisenkots Partei stärkste Kraft wird, fehlt ihm wahrscheinlich die Mehrheit. Es drohen quälend lange Koalitionsverhandlungen. Präsident Isaac Herzog wird denjenigen beauftragen, der die besten Chancen auf eine Regierung hat. Scheitert das, kann es zu einer weiteren Runde kommen – oder zu einer Einheitsregierung, die viele Israelis sich wünschen.
Die arabischen Parteien könnten eine Schlüsselrolle spielen, doch die meisten jüdischen Oppositionsparteien schließen eine Koalition mit ihnen aus. Das macht die Mathematik noch komplizierter. Kleine Parteien wie die von Hendel oder andere könnten das Zünglein an der Waage sein.
Für die Region und die Welt hat die Wahl enorme Bedeutung. Israel steht nach den Kriegen der letzten Jahre vor einer Neuausrichtung. Die Beziehung zu den USA unter Trump, der Umgang mit dem Iran, die Zukunft Gazas und die Siedlungspolitik im Westjordanland – all das hängt vom Ausgang ab. Auch die Beziehungen zu den arabischen Staaten und die Frage der Normalisierung stehen im Raum.
In den Straßen von Tel Aviv, Jerusalem und Haifa hängen die Plakate der Kontrahenten. Die Israelis sind gespalten, müde und zugleich entschlossen. Am Dienstag werden sie entscheiden. Die Frage bleibt: Wird Benjamin Netanjahu seine Ära fortsetzen – oder schreibt Gadi Eisenkot ein neues Kapitel in der Geschichte Israels?
Die Antwort liegt bei den Wählern. Und sie wird weit über die Grenzen Israels hinaus gehört werden. Die kommenden Tage werden zeigen, ob die „Schicksalswahl“ tatsächlich eine Wende bringt – oder ob Israel erneut in die gewohnte politische Ungewissheit zurückfällt. Eines ist sicher: Die Welt schaut zu. Und in den Wohnzimmern, in den Militärstützpunkten und in den Kibbuzim wird am Dienstagabend gebannt auf die ersten Hochrechnungen gewartet.
Die Geschichte Israels kennt viele Wendepunkte. Der 27. Oktober 2026 könnte einer von ihnen werden. Ob er das Ende einer Ära markiert oder deren Fortsetzung – das entscheiden die Bürger des jüdischen Staates.
Der Alltag der Israelis vor der Wahl
In den Tagen vor der Wahl herrscht in Israel eine merkwürdige Mischung aus Anspannung und Alltäglichkeit. In den Supermärkten von Tel Aviv und Beersheba sprechen die Menschen über die Preise, die Geiseln und die Wahl. Eine ältere Frau in Jerusalem sagt: „Ich habe Netanjahu immer gewählt. Aber diesmal weiß ich nicht. Mein Enkel war in Gaza. Er sagt, wir brauchen Verantwortung.“ Ein junger Reservist in Haifa meint: „Eisenkot kennt den Preis. Er hat seinen Sohn verloren. Das ist etwas anderes.“
Die Medien sind voller Debatten. Die Fernsehsender senden Sondersendungen. Die sozialen Netzwerke sind voller Clips und Gegenclips. Die Plakate werden nachts manchmal beschädigt. Die Polizei ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Gleichzeitig gehen die Menschen weiter zur Arbeit, bringen ihre Kinder zur Schule und besuchen die Synagogen.
Die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Die Kriege haben Spuren hinterlassen. Die Inflation, die Kosten für die Verteidigung und die Belastung der Reservisten wirken sich auf den Alltag aus. Viele Israelis hoffen, dass die neue Regierung – egal wer sie führt – Stabilität und Klarheit bringt.
Internationale Blicke auf Israel
Die Wahl wird international genau beobachtet. In Washington, in den europäischen Hauptstädten und in den arabischen Staaten wartet man auf das Ergebnis. Die Beziehung zu den USA unter Präsident Trump könnte sich je nach Ausgang unterschiedlich entwickeln. Trump hat klar gemacht, dass er Netanjahu bevorzugt. Gleichzeitig hat das State Department signalisiert, dass man mit jeder gewählten Regierung zusammenarbeiten werde.
In Europa ist die Stimmung gegenüber der aktuellen israelischen Regierung oft kritisch. Ein Wechsel könnte die diplomatischen Beziehungen erleichtern. Gleichzeitig bleibt die Sicherheitslage der entscheidende Faktor. Der Iran, die Hezbollah und die Situation in Gaza werden die Außenpolitik jeder Regierung bestimmen.
Die arabischen Staaten, die in den vergangenen Jahren Normalisierungsabkommen mit Israel geschlossen haben, beobachten die internen Entwicklungen mit Interesse. Stabilität in Israel ist auch in ihrem Interesse.
Mögliche Szenarien nach der Wahl
Szenario 1: Netanjahu schafft es mit knapper Mehrheit oder mit Unterstützung kleinerer Parteien, eine Regierung zu bilden. Dann würde die bisherige Linie fortgesetzt – starke Sicherheitspolitik, Siedlungsausbau und enge Kooperation mit den USA.
Szenario 2: Eisenkot wird stärkste Kraft und bildet eine Koalition mit Bennett, Liberman und anderen. Dann könnte es zu einer Untersuchungskommission zum 7. Oktober kommen, zu einer etwas zurückhaltenderen Siedlungspolitik und zu einem stärkeren Fokus auf interne Reformen.
Szenario 3: Keiner der Blöcke erreicht 61 Sitze. Dann drohen lange Verhandlungen, eine Einheitsregierung oder Neuwahlen. In der Vergangenheit hat Israel schon mehrfach solche Situationen erlebt.
Unabhängig vom Ausgang wird die neue Regierung vor enormen Herausforderungen stehen: die Geiseln, die Sicherheit an den Grenzen, die Wirtschaft und die tief greifende gesellschaftliche Spaltung.
Die Israelis wissen das. Deshalb ist diese Wahl für so viele eine Schicksalswahl. Sie entscheiden nicht nur über Personen, sondern über den Kurs ihres Landes in einer der schwierigsten Phasen seiner Geschichte.
Am Dienstagabend werden die ersten Hochrechnungen kommen. Dann beginnt das eigentliche politische Ringen. Bis dahin bleibt die Spannung. Und die Hoffnung, dass die Demokratie Israels erneut einen Weg findet – auch wenn er steinig ist.
Persönliche Geschichten hinter den Zahlen
Hinter den Umfragezahlen stehen Menschen. Eine Mutter aus dem Süden Israels, deren Sohn am 7. Oktober getötet wurde, sagt: „Ich will, dass jemand Verantwortung übernimmt. Nicht nur Worte, sondern Taten.“ Ein Geschäftsmann aus Tel Aviv, der Likud gewählt hat, meint: „Netanjahu ist ein Überlebenskünstler. Er hat uns durch viele Krisen gebracht. Warum sollte ich jetzt wechseln?“
Ein junger Offizier, der in Gaza und im Norden gedient hat, erzählt: „Eisenkot spricht unsere Sprache. Er weiß, was es bedeutet, Befehle zu geben und den Preis zu zahlen. Das ist selten bei Politikern.“ Diese Stimmen zeigen, wie tief die Entscheidung geht. Es ist nicht nur eine Wahl zwischen zwei Männern, sondern zwischen zwei Vorstellungen von Führung.
Die ultraorthodoxen Gemeinden, die traditionell Netanjahu unterstützen, sind gespalten über Fragen der Wehrpflicht. Die säkularen Israelis fordern mehr Gleichheit. Die Siedler im Westjordanland wollen Sicherheit und Expansion. Die arabischen Bürger wollen Sicherheit und Teilhabe. All diese Interessen müssen nach der Wahl irgendwie unter einen Hut gebracht werden.
Der Blick zurück: Von 2019 bis heute
Seit 2019 hat Israel fünf Wahlen erlebt. Die politische Krise war endemisch. Netanjahu stand vor Korruptionsanklagen, bildete wechselnde Koalitionen und überlebte. Der 7. Oktober hat alles überschattet. Die Notstandsregierung mit Gantz und Eisenkot war ein Versuch der Einheit. Sie zerbrach. Jetzt steht das Land erneut vor der Entscheidung.
Die Tatsache, dass die 25. Knesset ihre volle Amtszeit durchhielt, war historisch. Jetzt soll die 26. Knesset gewählt werden. Die Hoffnung vieler ist, dass diesmal Stabilität entsteht. Die Angst ist, dass erneut ein Patt entsteht und das Land in eine weitere Runde der Ungewissheit gerät.
Die Medien sprechen von einer „Entscheidung über den Charakter des Staates“. Ob das übertrieben ist, wird sich zeigen. Doch die Emotionen sind real. Die Plakate, die Debatten, die privaten Gespräche – alles dreht sich um die Frage: Wer ist der richtige Mann für diese Zeit?
Am Ende des Tages werden die Israelis zur Wahl gehen. Manche mit Hoffnung, manche mit Skepsis, manche mit Wut. Die Demokratie funktioniert. Die Frage ist nur, welches Ergebnis sie hervorbringt – und ob dieses Ergebnis die Kraft hat, das Land zu einen oder weiter zu spalten.
Die Welt wird zuschauen. Die Region wird reagieren. Und Israel wird – wie so oft in seiner Geschichte – seinen eigenen Weg finden müssen. Der 27. Oktober 2026 ist kein gewöhnlicher Wahltag. Er ist ein Prüfstein.
Die letzten Stunden vor der Wahl sind immer besonders. Die Kampagnen laufen auf Hochtouren. Die Kandidaten geben letzte Interviews. Die Wähler treffen ihre Entscheidungen – manche erst an der Urne. In den Militärbasen, in den Krankenhäusern und in den Gefängnissen wird ebenfalls gewählt. Die Auslandsisraelis haben bereits abgestimmt.
Was auch immer das Ergebnis sein wird: Israel bleibt ein demokratisches Land, das unter extremen Bedingungen seine Entscheidungen trifft. Das allein ist bemerkenswert. Die Frage, ob Netanjahu oder Eisenkot das Land führt, wird die nächsten Jahre prägen. Die Antwort liegt bei den Bürgern.
Am Dienstag beginnt ein neues Kapitel. Oder das alte wird fortgeschrieben. Die Geschichte wird es zeigen.
Die Menschen in Israel wissen, dass keine Wahl alle Probleme löst. Aber sie hoffen auf Führung, die Klarheit schafft. Ob diese Führung Netanjahu oder Eisenkot heißt – das entscheidet die Demokratie am 27. Oktober. Die Welt wird das Ergebnis analysieren. Die Israelis werden damit leben müssen. Und sie werden, wie immer, weitermachen.
Das ist die Realität dieser Schicksalswahl. Sie ist mehr als ein politisches Ereignis. Sie ist ein Spiegel der israelischen Seele in einer Zeit der Prüfung.
