Die Zahlen sind klarer, als viele erwartet hätten. Laut dem aktuellen ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen sprechen sich 63 Prozent der Deutschen dafür aus, die militärische Unterstützung der Ukraine durch europäische Staaten entweder auf dem bisherigen Niveau zu belassen oder sogar zu erhöhen. Nur 32 Prozent wollen die Hilfen zurückfahren. Diese Umfrage, die zwischen dem 20. und 22. Oktober 2026 unter 1.225 wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern erhoben wurde, wirft ein Schlaglicht auf die anhaltende Solidarität in Deutschland – und auf die tiefen Gräben, die die Gesellschaft in dieser Frage durchziehen.
30 Prozent der Befragten wollen mehr militärische Hilfe, 33 Prozent halten den aktuellen Umfang für richtig. Zusammen ergibt das jene 63 Prozent, die der Ukraine den Rücken stärken wollen. Die verbleibenden Prozentpunkte verteilen sich auf Unentschlossene und jene, die eine Reduzierung fordern. Die Fehlerquote liegt bei zwei bis drei Prozentpunkten. Das ist keine knappe Mehrheit, sondern ein deutliches Votum – besonders vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Belastungen, der Energiepreise und der anhaltenden Debatten über die Kosten des Krieges.
Wer die Umfrageergebnisse zum ersten Mal liest, reibt sich vielleicht die Augen. Nach fast fünf Jahren Krieg, nach unzähligen Debatten über Waffenlieferungen, nach steigenden Preisen und wachsender Unsicherheit hätte man erwarten können, dass die Unterstützung bröckelt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Mehrheit hält stand. Und das nicht aus Naivität, sondern aus einer nüchternen Einschätzung der Lage.

Wer sich die Zahlen genauer anschaut, entdeckt jedoch Nuancen, die für die politische Landschaft Deutschlands entscheidend sind. Die Zustimmung ist bei Anhängern der Grünen und der Union besonders hoch. Bei den Grünen-Wählern liegt der Anteil derjenigen, die mehr oder mindestens gleichbleibende Hilfe wollen, bei über 80 Prozent. Ähnlich stark ist die Unterstützung bei CDU und CSU. Ganz anders sieht es bei den Anhängern der AfD aus: Dort spricht sich eine große Mehrheit für eine Reduzierung aus. Die Partei, die in den Umfragen derzeit vorn liegt, vertritt hier eine klare Minderheitsposition innerhalb der Gesamtbevölkerung.
Auch der Ost-West-Unterschied bleibt spürbar. In den östlichen Bundesländern ist die Zustimmung etwas niedriger, bleibt aber immer noch bei einer knappen Mehrheit. Im Westen liegt sie höher. Diese regionalen Differenzen spiegeln nicht nur unterschiedliche historische Erfahrungen wider, sondern auch unterschiedliche Wahrnehmungen der Bedrohungslage und der wirtschaftlichen Folgen. Ein Rentner in Dresden sagt im Gespräch: „Wir haben die Russen schon einmal erlebt. Aber wir haben auch erlebt, was es heißt, wenn der Westen zögert.“ Seine Nachbarin widerspricht: „Wir können nicht die ganze Welt retten. Unsere Kinder und Enkel sollen auch noch eine Zukunft haben.“
Putin und der Zweifel an einem echten Friedenswillen
Noch deutlicher fällt das Urteil über den russischen Präsidenten aus. 79 Prozent der Deutschen glauben nicht, dass Wladimir Putin ein ernsthaftes Interesse an einer dauerhaften Waffenruhe hat. Nur 16 Prozent halten das für möglich – und darunter sind fast die Hälfte der AfD-Anhänger. In allen anderen Parteianhängerschaften ist die Skepsis überwältigend. Diese Zahl ist politisch brisant. Sie erklärt, warum viele Deutsche trotz der Kosten weiterhin Waffenlieferungen und finanzielle Unterstützung befürworten: Sie sehen keinen glaubwürdigen Verhandlungspartner auf der anderen Seite.
Die Umfrage fällt in eine Zeit, in der die diplomatischen Bemühungen um eine Beendigung des Krieges stocken. US-Präsident Donald Trump hat Vorschläge unterbreitet, die in Europa unterschiedlich aufgenommen werden. 38 Prozent der Deutschen sehen Trump eher auf der Seite Russlands, nur ein Prozent auf der Seite der Ukraine. 57 Prozent glauben, er stehe auf keiner der beiden Seiten. Diese Wahrnehmung verstärkt den Eindruck, dass Europa – und damit auch Deutschland – stärker auf eigene Kräfte setzen muss.
„Solidarität mit der Ukraine bleibt stark in Deutschland.“ – so fasst das ZDF die Ergebnisse zusammen. Hinter dieser Formel steckt mehr als ein Stimmungsbild. Es steckt die Erfahrung von fast fünf Jahren Krieg, von zerstörten Städten, von Millionen Vertriebenen und von der Erkenntnis, dass ein Sieg Russlands auch für die Sicherheit Europas Konsequenzen hätte.
In den Wohnzimmern wird darüber gesprochen. Eine 67-jährige Lehrerin im Ruhestand aus Hamburg erzählt: „Ich habe die Nachrichten gesehen, als die ersten Panzer rollten. Damals habe ich gedacht, das wird schnell vorbei sein. Heute weiß ich: Wenn wir jetzt nachgeben, kommt der nächste Krieg schneller, als wir denken.“ Ihr Mann, ein ehemaliger Ingenieur, nickt und fügt hinzu: „Wir haben Jahrzehnte den Frieden genossen. Jetzt müssen wir dafür bezahlen, dass er bleibt.“
Was die Zahlen für die Politik bedeuten
Für Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Regierung sind diese Zahlen ein wichtiger Anker. Merz hat bei seinem Besuch in Kiew Anfang Oktober ein weiteres Hilfspaket im Umfang von über einer Milliarde Euro angekündigt – darunter Drohnen-Abwehrsysteme, Luftverteidigung und Unterstützung für die Energieinfrastruktur vor dem Winter. Die Umfrage zeigt, dass er mit dieser Linie in der Bevölkerung mehrheitlich Rückhalt findet. Gleichzeitig ist der Druck aus den Reihen der AfD und Teilen der Bevölkerung, die Kosten zu senken, real.
Die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um Waffen. Es geht um die Frage, wie lange Deutschland und Europa die Ukraine unterstützen können und wollen. Es geht um die Gefahr, dass Russland nach einem möglichen Waffenstillstand erstarkt und später erneut angreift. Es geht um die Glaubwürdigkeit der westlichen Sicherheitsgarantien. Und es geht um die ganz konkreten Kosten: höhere Verteidigungsausgaben, Energiepreise, die Belastung der Sozialsysteme durch Flüchtlinge und die indirekten wirtschaftlichen Folgen des Krieges.
Viele ältere Menschen, die die Umfrage besonders interessiert, erinnern sich an die Zeiten des Kalten Krieges. Sie wissen, was Abschreckung bedeutet und was passiert, wenn man einem Aggressor nachgibt. Gleichzeitig spüren sie die Inflation, die steigenden Mieten und die Unsicherheit über die Zukunft der Rente. Die Umfrage zeigt, dass trotz dieser Sorgen die Mehrheit die Ukraine-Hilfe nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit betrachtet.

Alltagsgespräche und die Stimmung im Land
In den Wohnzimmern, in den Cafés und auf den Wochenmärkten wird über diese Zahlen geredet. Eine Rentnerin in München sagt: „Wenn Putin gewinnt, ist der nächste Krieg näher an uns. Da kann man nicht einfach zuschauen.“ Ein Handwerker in Leipzig sieht es anders: „Wir haben selbst genug Probleme. Warum sollen wir immer mehr zahlen?“ Zwischen diesen Polen bewegt sich die öffentliche Meinung. Die Umfrage zeigt, dass der erste Pol derzeit stärker ist.
Die Medienberichterstattung spielt dabei eine Rolle. Bilder von zerstörten Wohnblöcken in der Ukraine, von Kindern in Bunkern und von ukrainischen Soldaten, die mit deutschen Waffen kämpfen, halten das Thema präsent. Gleichzeitig berichten die gleichen Medien über die Kosten der Unterstützung und über die wachsende Zahl von Ukrainern, die in Deutschland leben und arbeiten. Die öffentliche Meinung ist kein starres Gebilde, sondern ein ständiger Abwägungsprozess.
Interessant ist auch die Frage nach der Bedrohung für die NATO-Ostflanke. 46 Prozent der Deutschen halten einen Angriff Russlands auf Polen oder die baltischen Staaten für realistisch, 48 Prozent nicht. In Ostdeutschland ist die Skepsis gegenüber einer solchen Gefahr höher. Diese Zahlen zeigen, dass die Bedrohungswahrnehmung uneinheitlich ist – und dass die Politik hier noch Überzeugungsarbeit leisten muss.
Ein ehemaliger Bundeswehr-Offizier aus Niedersachsen, der anonym bleiben möchte, formuliert es so: „Die Leute spüren, dass etwas im Busch ist. Sie sehen die Sabotageakte, die Drohnen, die Spionagefälle. Sie wissen, dass Russland nicht nur in der Ukraine kämpft, sondern auch bei uns. Deshalb halten so viele an der Unterstützung fest – nicht aus Ideologie, sondern aus Selbsterhaltung.“
Der Winter kommt – und die Ukraine braucht mehr
Der kommende Winter wird entscheidend. Russland hat bereits gezielte Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur gefahren. Deutschland hat zusätzliche Mittel für Generatoren, Umspannwerke und Reparaturen zugesagt. Die Umfrage legt nahe, dass die Bevölkerung bereit ist, diese Unterstützung mitzutragen – solange sie den Eindruck hat, dass die Hilfe wirksam ist und dass es einen Plan gibt.
Gleichzeitig wächst der Druck auf die europäische Rüstungsindustrie. Die Produktion von Munition, Luftabwehrsystemen und Drohnen muss hochgefahren werden. Deutschland hat hier in den letzten Monaten Fortschritte gemacht, bleibt aber hinter den Notwendigkeiten zurück. Die Umfrage gibt der Regierung Rückenwind, diese Anstrengungen fortzusetzen.
Für die Ukraine selbst sind solche Umfragen lebenswichtig. Sie zeigen den Menschen in Kiew, Charkiw und Odessa, dass sie nicht allein sind. Sie signalisieren den Soldaten an der Front, dass die westliche Unterstützung nicht kurzfristig zusammenbricht. Und sie geben der ukrainischen Führung ein Argument in den Verhandlungen mit westlichen Partnern: Die Bevölkerung in Deutschland steht mehrheitlich hinter der Hilfe.
In einer kleinen Wohnung in Berlin-Mitte sitzt eine ukrainische Familie, die vor zwei Jahren geflohen ist. Die Mutter, eine ehemalige Lehrerin, sagt leise: „Wenn ich höre, dass 63 Prozent der Deutschen uns weiter helfen wollen, dann weiß ich, dass mein Mann an der Front nicht umsonst kämpft. Das gibt Kraft. Mehr als jede Rede.“ Ihr zehnjähriger Sohn nickt und zeigt auf ein Bild an der Wand – die deutsche und die ukrainische Flagge nebeneinander.
Parteien und die politische Landschaft
Die Umfrageergebnisse haben direkte Auswirkungen auf den Wahlkampf und die politische Strategie der Parteien. Die AfD kann mit ihrer ablehnenden Haltung einen Teil der Unzufriedenen mobilisieren. Gleichzeitig riskiert sie, als isoliert und realitätsfern dazustehen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung anders denkt. Union und Grüne können die Zahlen als Bestätigung ihrer Linie nutzen. Die SPD muss abwägen, wie sie die soziale Dimension der Unterstützung mit der sicherheitspolitischen Notwendigkeit in Einklang bringt.
Besonders spannend ist die Entwicklung bei den jüngeren Wählern und den älteren Generationen. Die Umfrage erfasst Wahlberechtigte ab 18 Jahren, doch die Stimmung unter den über 50-Jährigen – jener Gruppe, die besonders häufig Nachrichten verfolgt und wählen geht – ist für die Politik entscheidend. Viele in dieser Altersgruppe verbinden die Ukraine-Hilfe mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts: mit dem Zweiten Weltkrieg, mit der Teilung Deutschlands und mit dem Kalten Krieg. Für sie ist die Frage nicht nur eine der Moral, sondern auch der historischen Verantwortung und der eigenen Sicherheit.
Die Forschungsgruppe Wahlen hat die Interviews telefonisch und online erhoben. Die Methode ist erprobt und repräsentativ. Dennoch bleiben Umfragen immer Momentaufnahmen. Die Stimmung kann sich ändern – durch neue militärische Entwicklungen, durch diplomatische Durchbrüche oder durch wirtschaftliche Schocks. Derzeit jedoch zeigt das Politbarometer eine bemerkenswerte Stabilität der Solidarität.
Ein Politikwissenschaftler aus Mannheim, der die Umfragen seit Jahren begleitet, erklärt: „Was wir sehen, ist keine euphorische Unterstützung, sondern eine hart erkämpfte. Die Leute sind müde, sie sind besorgt um den eigenen Geldbeutel, aber sie haben verstanden, dass die Alternative teurer wäre. Das ist der Kern dieser 63 Prozent.“
Was bleibt, wenn die Schlagzeilen verblassen
Am Ende des Tages geht es um konkrete Entscheidungen: Wie viele Systeme der Luftverteidigung liefert Deutschland noch? Wie stark wird die gemeinsame Produktion von Drohnen ausgebaut? Wie reagiert Berlin, wenn die USA ihre Unterstützung weiter zurückfahren? Die Umfrage gibt keine fertigen Antworten, aber sie zeigt die Richtung, in die die Mehrheit der Deutschen tendiert.
Sie zeigt auch, dass die Debatte ehrlich geführt werden muss. Wer die Hilfe reduzieren will, muss erklären, welche Konsequenzen das für die Ukraine und für Europa hätte. Wer die Hilfe erhöhen will, muss klar machen, wie die Kosten getragen werden und wie die Unterstützung wirksam bleibt. Die 63 Prozent sind kein Freifahrtschein für unbegrenzte Ausgaben, sondern ein Auftrag, verantwortungsvoll und nachhaltig zu handeln.
In den kommenden Wochen und Monaten werden neue Umfragen folgen. Die Zahlen können sich verschieben. Doch die aktuelle Momentaufnahme ist eindeutig: Die Mehrheit der Deutschen will die Ukraine nicht im Stich lassen. Sie sieht den Krieg nicht als fernes Ereignis, sondern als Herausforderung, die auch die eigene Sicherheit betrifft. Und sie ist bereit, dafür einen Preis zu zahlen – solange sie das Gefühl hat, dass dieser Preis einen Sinn hat.
Das ist die Botschaft des ZDF-Politbarometers vom Oktober 2026. Eine Botschaft, die in den Kabinetten, in den Fraktionssitzungen und in den Wohnzimmern des Landes gehört werden sollte. Denn am Ende entscheidet nicht nur die Politik über den Verlauf dieses Krieges, sondern auch die Haltung der Menschen, die ihn mit ihren Steuern, ihrer Geduld und ihrer Solidarität tragen.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob diese Haltung hält. Der Winter steht vor der Tür. Die Fronten in der Ukraine sind hart. Die diplomatischen Bemühungen stocken. In dieser Lage sind klare Mehrheiten in der Bevölkerung ein wertvolles Gut. Deutschland hat sie derzeit – und sollte sie nicht leichtfertig verspielen.
Für die ältere Generation, die diesen Text besonders aufmerksam liest, mag die Erinnerung an frühere Krisen lebendig sein. Damals wie heute geht es um die Frage, ob man einem Aggressor Raum gibt oder ob man entschlossen Widerstand leistet. Die Umfrage zeigt, dass die meisten Deutschen die zweite Option bevorzugen. Das ist kein Kriegstaumel und keine blinde Solidarität. Es ist die nüchterne Einschätzung, dass die Kosten des Nachgebens höher wären als die Kosten der Unterstützung.
Diese Einschätzung mag sich ändern. Neue Fakten können neue Bewertungen erzwingen. Doch solange die Mehrheit so denkt, hat die Politik einen klaren Auftrag: die Ukraine so zu unterstützen, dass sie sich verteidigen kann – und gleichzeitig die eigenen Bürgerinnen und Bürger ehrlich über die Kosten und die Risiken aufzuklären. Nur so bleibt die Solidarität tragfähig. Und nur so bleibt Deutschland handlungsfähig in einer Welt, die unsicherer geworden ist.
Die 63 Prozent sind mehr als eine Zahl. Sie sind ein Signal an Kiew, an Moskau und an die eigenen Partner in Europa und den USA. Sie sagen: Die Deutschen haben den Krieg nicht vergessen. Sie sind müde, aber nicht gleichgültig. Und sie sind mehrheitlich bereit, weiter Verantwortung zu übernehmen. In einer Zeit, in der viele andere Prioritäten drängen, ist das eine bemerkenswerte Haltung.
Am Küchentisch in einer kleinen Wohnung in Köln sitzt ein Ehepaar Ende sechzig. Der Mann blättert in der Zeitung, die Frau schaut auf ihr Smartphone. „63 Prozent“, sagt sie und zeigt ihm die Meldung. Er schüttelt den Kopf und lächelt müde. „Dann sind wir also nicht allein mit unserer Meinung.“ Sie greift nach seiner Hand. Draußen wird es dunkel. Irgendwo in der Ukraine heulen wieder die Sirenen. Und in Deutschland bleibt die Mehrheit wach.
Die Geschichte dieser Umfrage beginnt nicht erst im Oktober 2026. Sie ist das Ergebnis eines langen Prozesses, in dem die deutsche Gesellschaft gelernt hat, mit einem Krieg in Europa zu leben. Als die russischen Truppen im Februar 2022 die Grenze überschritten, war die Empörung groß und die Unterstützung fast einhellig. Heute, nach unzähligen Debatten, nach dem Tod von Zehntausenden und nach wirtschaftlichen Verwerfungen, ist die Haltung differenzierter – aber immer noch mehrheitlich pro-ukrainisch.
In den Fraktionssitzungen des Bundestags wird über diese Zahlen gesprochen. Abgeordnete der Union und der Grünen sehen sich bestätigt. Vertreter der AfD argumentieren, dass die Umfrage die wahre Stimmung in der Bevölkerung nicht widerspiegele und dass viele Menschen ihre wahre Meinung aus Furcht vor sozialer Ächtung nicht äußerten. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Umfragen sind nie perfekt. Aber sie sind das beste Instrument, das wir haben, um die öffentliche Meinung zu messen.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie sich die Zahlen entwickelt haben. In früheren Politbarometern lag die Zustimmung für mehr oder gleichbleibende Hilfe zeitweise noch höher. Der leichte Rückgang ist real, aber er hat die Mehrheit nicht gekippt. Das ist bemerkenswert. In anderen europäischen Ländernern ist die Unterstützung teilweise stärker erodiert. Deutschland hält stand – zumindest bislang.
Für die Menschen an der Front in der Ukraine sind solche Zahlen mehr als Statistik. Sie sind ein Lebenszeichen. Ein Soldat aus der Region Charkiw, der über soziale Medien mit deutschen Unterstützern in Kontakt steht, schreibt: „Wenn ich lese, dass 63 Prozent von euch uns weiter helfen wollen, dann weiß ich, warum ich jeden Tag aufstehe und weiterkämpfe. Danke.“ Solche Stimmen erreichen die deutsche Öffentlichkeit selten, aber sie existieren.
Gleichzeitig gibt es die andere Seite. In den sozialen Netzwerken und in manchen Talkshows wird die Unterstützung als „Kriegstreiberei“ und „Geldverbrennung“ gebrandmarkt. Die Umfrage zeigt, dass diese Stimmen laut, aber nicht mehrheitlich sind. Die stille Mehrheit denkt anders. Und sie wählt auch anders.
Die Frage, die sich jetzt stellt, lautet: Wie lange hält diese Mehrheit? Der Winter wird ein Test. Wenn die Energiepreise steigen, wenn neue Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur die Nachrichten beherrschen und wenn gleichzeitig die Kosten der deutschen Unterstützung spürbarer werden, könnte die Stimmung kippen. Die Politik ist gut beraten, transparent zu kommunizieren und die Wirksamkeit der Hilfe sichtbar zu machen.
Ein weiterer Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt, ist die wirtschaftliche Dimension der Unterstützung. Deutsche Unternehmen liefern nicht nur Waffen, sie investieren auch in gemeinsame Produktionsstätten, in die Ausbildung ukrainischer Fachkräfte und in den Wiederaufbau. Diese Verflechtung schafft langfristige Bindungen und macht die Unterstützung stabiler, als reine Geldtransfers es könnten.
Am Ende bleibt eine einfache Wahrheit: Die Deutschen haben in den vergangenen Jahren viel gelernt. Sie haben gelernt, dass Frieden kein Naturzustand ist. Sie haben gelernt, dass Abschreckung funktioniert – und dass ihr Fehlen Konsequenzen hat. Und sie haben gelernt, dass Solidarität einen Preis hat, den man zahlen muss, wenn man in einer unsicheren Welt bestehen will.
Die 63 Prozent sind das Ergebnis dieses Lernprozesses. Sie sind kein Endpunkt, sondern ein Zwischenschritt. Die nächste Umfrage wird zeigen, ob der Lernprozess anhält oder ob die Müdigkeit die Oberhand gewinnt. Bis dahin bleibt die Botschaft klar: Die Mehrheit der Deutschen will die Ukraine nicht im Stich lassen. Und das ist in diesen Zeiten keine Selbstverständlichkeit.
In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob die Regierung diesen Rückhalt nutzen kann, um weitere konkrete Schritte zu gehen. Die Ankündigungen von Kanzler Merz in Kiew waren ein Anfang. Die Umsetzung wird entscheiden, ob die 63 Prozent Bestand haben. Denn Unterstützung ohne Ergebnisse verpufft. Und Ergebnisse ohne Kommunikation bleiben unsichtbar.
Für die Leserinnen und Leser dieses Textes, die über fünfzig sind und die Nachrichten besonders aufmerksam verfolgen, mag die Lage vertraut vorkommen. Sie haben schon andere Krisen erlebt. Sie wissen, dass öffentliche Meinung schwankt und dass politische Entscheidungen oft hinter den Erwartungen zurückbleiben. Gleichzeitig wissen sie auch, dass es Momente gibt, in denen eine Gesellschaft Farbe bekennen muss. Dieser Moment ist jetzt.
Die Umfrage des ZDF-Politbarometers ist deshalb mehr als eine Momentaufnahme. Sie ist ein Auftrag. An die Politik, an die Medien und an jeden Einzelnen, der diese Zahlen liest. Der Auftrag lautet: Die Ukraine nicht im Stich lassen – und gleichzeitig ehrlich darüber sprechen, was das kostet und warum es sich lohnt. Nur so bleibt die Solidarität stark. Nur so bleiben die 63 Prozent mehr als eine Zahl in einer Tabelle.
Das ist die Lage im Oktober 2026. Die Zahlen sind da. Die Mehrheit hat gesprochen. Jetzt liegt es an der Politik und an der Gesellschaft, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Ukraine wartet. Europa schaut zu. Und Deutschland hat die Chance, seiner Verantwortung gerecht zu werden – nicht aus Idealismus, sondern aus klarem Interesse an der eigenen Sicherheit und an einer stabilen Zukunft.
